Anscheinend ist es dem Leser nicht zuzutrauen, eine Statistik in eigener Interpretation auszuwerten, anders lässt sich die Verpackung der publizierten Daten in einen verbalen Comicstrip nicht erklären. Dass eine nüchterne Betrachtung der Zahlen durchaus im Widerspruch zum Grundtenor des Artikels liegt, macht eine genauere Betrachtung deutlich: Geht es zum Beispiel um die Kontaktarmut der Deutschen, so führt der Autor 35 Prozent der Deutschen als Zeugen mit "einem kleinen Bekanntenkreis" an. Das ist zwar jeder dritte Deutsche, aber ihm gegenüber steht mit 65 Prozent eine überwältigende Mehrheit, die einen "sehr großen" oder "eher großen" Bekanntenkreis hat.

Ebenso passt es eher in das Bild des wenig zuversichtlich in die Zukunft blickenden Bürgers, dass 28 Prozent Angst haben, den Arbeitsplatz zu verlieren

störend ist die unerwähnt gebliebene Mehrheit von 72 Prozent, die diese Angst nicht oder kaum haben

auch die Beurteilung der eigenen wirtschaftlichen Lage fiel bei 72 Prozent der Befragten gut bis sehr gut aus und konterkariert damit das gezeichnete Bild des auch für den Einzelnen sehr rauen wirtschaftlichen Klimas.

Zweifellos kann man halb gefüllte Gläser als halb voll oder als halb leer bezeichnen, dies jedoch bei statistischen Verhältnissen von einem zu zwei Dritteln zu tun ist eine Missachtung von Mehrheiten und eine willentliche Fehlinterpretation, die genau dem dient, was der Autor kritisiert: dem unsubstanziierten Schüren von Ängsten und düsteren Stimmungen.

Guido Schwemin, Weiden

Vier Fünftel aller Deutschen stimmen also der Aussage "Gegen Außenseiter sollte härter vorgegangen werden" zu? Da schwant uns - dem einen Fünftel "Gutmenschen" - natürlich Böses: Meuten rechtschaffener Bürger mit Schaum vor dem Mund, die islamischen Frauen die Kopftücher herunterreißen, Punks zwangsweise zum Friseur oder zu C & A schleppen und so weiter, und so fort.