Arnulf Baring lohnt die Erregung nicht, der Historiker langweilt inzwischen mit seinen Tiraden über die Republik, die angeblich platt danieder liegt. Aber wes Geistes Kind steckt dahinter? Erklärungsbedürftig ist schon, weshalb ein intelligentes Blatt wie die FAZ einen Beitrag Barings überhaupt publiziert, der die "Bürger auf die Barrikaden!" rufen möchte und in dem behauptet wird, Deutschland befände sich auf dem Weg zu einer "DDR light".

Innenpolitischer Ernstfall, Stunde der Not, Republik am Ende - so unerquicklich klingt die Suada. Das alles gipfelt in einem Vergleich des sozialdemokratischen Kanzlers Schröders mit dem Zentrumspolitiker und Reichskanzler Brüning, dem Mann der Notverordnungen und der Deflation, den Hindenburg 1932 entließ - die Weimarer Republik war am Ende.

Solche abstrusen Thesen, die evidente Parallelen erkannt haben wollen, vor allem die Machtergreifung einer "drohnenhaften Herrschaftskaste", sind das Ergebnis einer Pauschalkritik, die sich nach der Wiederwahl von Rot-Grün bereits abzeichnete und die jetzt jedes Maß verloren hat. Die FAZ steht damit keineswegs allein, als Avantgarde betrachten sich auch andere, von Lafontaine bis Koch und Merkel, die an eine Art Unterschriftensammlung - nein, diesmal nicht gegen Ausländer - gegen Rot-Grün denken. Woher der Amoklauf gegen das "System"? Psychologisch mag man manches mit Enttäuschungen über die Regierung erklären, auch damit, dass viele nicht verwinden können, den Machtwechsel haarscharf verpasst zu haben, den sie sich sehnlichst wünschten. Politisch aber nimmt die Polemik Züge eines Kulturkampfes gegen die liberale Republik selber an. Die Legalität von Rot-Grün wird bestritten, da hat die Süddeutsche Zeitung ganz recht, dagegen wird die Legitimität des Volkszorns aufgeboten, der freilich erst tüchtig geschürt werden muss.

Dass die historische Parallele - 2002 gleich 1932 - hinausposaunt werden kann, hat Gründe. Es ist eine parasitäre Hysterie, die gern gepflegt wird.

Von der Kritik an den Parteien und der Politik, grundiert mit deutschen, nationalen Tönen, möchte man bei Gelegenheit profitieren. Versagt hat in Weimar, man erinnert sich, nicht Brüning. Versagt hat zu allererst das deutsche Bürgertum. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Die Rufe von Baring & Co. nach einem Aufstand der "Bürger", die damit heimlich angeklagt werden, alles bloß treiben zu lassen, verraten etwas ganz anderes. Diese vermuffte, verängstigte "Bürgerlichkeit" ist alles andere als die Vorhut der Republik, für die sie sich hält. Hinter Wut und Gezeter verbergen sich Verlustschmerzen, hinter der Kritik steckt die Verbitterung, dass man die glorreiche Rolle von einst nicht mehr spielt.