Nach ein paar Minuten, als die Maschine an Höhe gewonnen hat und sich in eine Kurve neigt, kann Dressel die Stadt sehen. Die Sonne flutet ihr Licht in die Straßen, auf die Spree, den Alexanderplatz, das Muster der Häuser. Irgendwo da unten müht sich seine Frau in ihrem Golf zur Arbeit. Es war noch dunkel, als sie aus dem Haus ging und er in der Kleingartenanlage Nordend aufs Taxi wartete, in der Hand eine braune Aktentasche. Darin zwei Nummernschilder, B-XB 520, sorgsam umhüllt von zwei Plastiktüten. Seine Initialen, JD, wären Sonderwunsch gewesen und deshalb teurer. Zu teuer, fand Dressel, der nun auf Berlin blickt und ein wenig auch auf seine Vergangenheit, denn an diesem Morgen entschwebt er ihr. Johannes Dressel, geboren 1934, Fahrerlaubnis seit 1957, fliegt zu den Sternen. Nach Sindelfingen. Er holt seinen ersten Mercedes ab.

Dressel massiert seine Finger. Das Alter hat begonnen, sich seiner zu bemächtigen, er weiß das. Er sitzt etwas gebeugt in seinem Sitz, den Kopf nach vorn geschoben. Seine Stimme wird häufig von Räuspern durchbrochen, und jetzt, da die Sonne auf seine Hände scheint, wirkt die Haut wie Papier, fast transparent, mit starken Adern darunter. Dressel sagt: "Ich möchte mit dem Mercedes den Abschluss finden. Wie das so ist im Leben: Man kann ja nichts mitnehmen."

Ein Mercedes. Eine Zäsur. Ein Beweisstück. Manchem Leben gibt erst ein bestimmtes Auto einen Sinn, im Rückblick. Man hat es weit gebracht, nicht umsonst gearbeitet, man hat es geschafft. Ein sehr deutscher Gedanke ist das, ein Sparbuchgedanke, im Heute immer an das Morgen gedacht, so ist es auch bei Dressel, Jahr für Jahr hat er Mark auf Mark gestapelt, gestern hat er seinen Passat in Zahlung gegeben, jetzt fliegt er nach Stuttgart. "Ich wollte mir das noch einmal leisten", sagt Dressel. Wahrscheinlich meint er alles damit: diesen Tag, diesen Flug, dieses Auto.

Ein Mercedes. 1992 ist Dressel zum ersten Mal um einen herumgeschlichen, es war ein 190er, glänzend in einem Westberliner Autohaus, aber damals war er gerade erst seinen Wartburg losgeworden und hatte einen Passat gekauft, "sehr geräumiges Fahrzeug". Dressel wird an diesem Tag nicht einmal "Auto" sagen. Er war Elektroingenieur, in seiner Sprache ist er es noch immer. "Ein sehr geräumiges Fahrzeug" war der Passat also, das war ihm damals wichtig, "man konnte ja reisen." Ein "Ich" gibt es auch nur selten in seinen Sätzen, vermutlich kam es ihm in der DDR abhanden.

Es war ein langer Weg bis zum Mercedes. 1970, kurz vor der Geburt der Tochter, hatte Dressel keine Wohnung bekommen, die groß genug gewesen wäre für eine kleine Familie. Er kaufte ein Kleingartengrundstück oben in Pankow, und um sich das leisten zu können, musste er seinen Trabant abgeben. Dressel hat dann Jahr für Jahr Zimmer für Zimmer angebaut, außen verklinkert, innen vertäfelt, nun sind es "140 Quadratmeter Wohnfläche und 40 Quadratmeter Garage", so sagt er das. Nach der Wende eine neue Küche und ein neues Bad. Ein Handwerker, der im vergangenen Jahr schließlich noch eine Sauna einbaute, fuhr diesen kleinen Mercedes, C-Klasse Coupé, ein Auto wie ein Keil, jeden Morgen stand es vor Dressels Haus. Dressel fing wieder an zu schleichen. Einmal durfte er mitfahren. Er verliebte sich. In den "kräftigen Anzug dieses Fahrzeugs".

Mit der Sauna hatte er das Haus endgültig "auf Weststandard gebracht", jetzt war die automobile Biografie dran. Bis heute hat Dressel seinen Nachbarn nichts verraten, auch den Freunden nicht. "Bin ja kein Prahlhans. Die werden es eh erfahren. Man kann es ja nicht verstecken."