Wien

Dreimal im Jahr versammelt sich die multikulturelle österreichische Nation in großer Zahl vor den Bildschirmen: zu den Live-Übertragungen vom Wiener Opernball, vom Villacher Fasching und vom Hahnenkammrennen in Kitzbühel. Diese leicht verdaulichen Spektakel verbinden sogar so disparate Stämme wie Alemannen, Tiroler, Kärntner und Steirer mit der im Lauf von Jahrhunderten lange vor der EU-Osterweiterung allmählich entstandenen Vielvölker-Melange der Wiener.

Im Jahr 2002 gab es einen vierten Höhepunkt im Fernsehen: das Duell. 1,7 Millionen Zuschauer – etwa ein Drittel der Wahlberechtigten – verfolgten die Debatte zwischen den beiden Kanzlerkandidaten, dem christdemokratischen Amtsinhaber Wolfgang Schüssel und seinem sozialdemokratischen Herausforderer Alfred Gusenbauer. Ein denkwürdiges Ereignis: Die beiden lieferten einander ein spannendes, stellenweise sehr emotionales Wortgefecht, bestes Politikprogramm und zugleich unterhaltsam; kein Vergleich zu den sterilen Schröder-Stoiber-Ritualen im Bundestagswahlkampf.

Gewonnen hat, den Punkterichtern in Print, Funk und Fernsehen zufolge, der "Gusi", der Sozialdemokrat ohne Vergangenheit und Charisma. Zugetraut hat ihm das kaum jemand, ausgenommen vielleicht seine Frau und seine engsten Freunde. Die Stellung halten, eine passable Figur abgeben, das ja. Aber den Schüssel in Verlegenheit bringen? Diesen Vollprofi, dem eine lebenslange Karriere als Verbandsfunktionär, Parteipolitiker, langjähriger Minister der Großen Koalition und schließlich als politischer Partner Jörg Haiders alle Tricks des politischen Geschäfts gelehrt hat? Genau das hat Gusenbauer, der im Jahr 2000 eine politisch demoralisierte und finanziell bankrotte SPÖ übernommen hatte, wider Erwarten geschafft.

Die Knittelfelder "Putschisten"

Womöglich ist er besser als sein Ruf. Die Experten staunten, erst recht die Kommentatoren, die erstmals sogar so etwas wie Respekt vor dem Herausforderer zeigten, auch die Sozialdemokraten und erst recht Wolfgang Schüssel. Der Kanzler verweigerte sich der Manöverkritik und hielt sich an die Überlebensdevise dessen, der weiß, dass die Schlussbilanz wichtig ist, nicht die einzelne verlorene Runde: Schwamm drüber, nach vorn schauen! Eigentlich ist das ja sein Spiel. Schüssel hat die vorzeitige Neuwahl überraschend vom Zaun gebrochen. Mit gutem Grund und kühlem Kalkül. Die Zeit war reif für den Bruch mit Haider, der ihn im Januar 2000 zum Kanzler gemacht hatte, obwohl die ÖVP nur auf Platz drei hinter der FPÖ gelandet war (doch einen Kanzler Haider hat die neue Mehrheit der EU damals nicht zu präsentieren gewagt). Haider, unverändert inoffizieller Chef der FPÖ und Schüssels eigentlicher Koalitionspartner, obwohl Partner längst nicht mehr das richtige Wort war, hatte im Spätsommer die offizielle Parteichefin, den Finanzminister und den Fraktionsvorsitzenden erfolgreich zum Rücktritt gemobbt. Dieses Ereignis ging als "Putsch von Knittelfeld" in die jüngere Parteigeschichte der FPÖ ein, in Anspielung auf den gleichfalls folgenschweren "Putsch von Innsbruck" des Jahres 1986. Damals war Haider unter "Sieg Heil!"-Gejohle seiner Claqueure zum Parteichef gebrüllt worden (worauf der damalige SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky abrupt die Koalition mit dieser Partei beendete und, 20 Jahre nach dem Ende der alten, die neue Große Koalition begründete).

Die aktuelle rechtsnationale Haider-Leibgarde heißt im ÖVP-Jargon nach dem jüngsten Tatort "die Knittelfelder". Das sind jetzt für Schüssel die Bösen. Von ihnen grenzen er und seine Getreuen sich ab, mit denen gebe es keine Koalition. "Die Knittelfelder", so wird Schüssel in seinen Memoiren eines Tages vielleicht argumentieren, das waren die wirklichen Rechtspopulisten, die Unzuverlässigen, denen man das Land 2002 auf Dauer nicht anvertrauen konnte.

Die Guten, das sind die anderen, nämlich diejenigen, die sich vor Knittelfeld mit Haider und dessen "Buberlpartie" lange Zeit bestens verstanden haben: die scheidende Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer, die in der Zeit ihrer ebenso treuherzigen wie kämpferischen Ergebenheit für Haider den Beinamen Königskobra trug; der Finanzminister und langjährige Haider-Zögling Karl-Heinz Grasser, der gegenwärtig vermutlich Europas feschester und beliebtester Finanzminister ist, wofür es nach finanzpolitischen Kriterien keine Erklärung gibt; Peter Westenthaler, der zurückgetretene Fraktionschef, auch er all die Jahre vor und in der Koalition ein 100-prozentiger Haider-Mann.