die zeit: Herr Moore, in Ihrem Film Bowling for Columbine machen Sie das Massaker von Littleton, bei dem zwei Schüler im April 1999 mit halbautomatischen Gewehren zwölf Mitschüler, einen Lehrer und sich selbst töteten, zum Ausganspunkt einer Reise durch die amerikanische Kultur, eine Kultur der Gewalt. Dabei stellt sich heraus, dass Sie selbst Mitglied der Waffenbesitzervereinigung NRA sind. Wann fingen Sie an zu schießen?

Michael Moore: Schon als kleines Kind. Für mich war der Gebrauch von Waffen etwas völlig Normales. Ich komme aus Michigan, wo mehr gejagt wird als in allen anderen Bundesstaaten. Wir trafen uns mit den Nachbarskindern, um schießen zu üben und auf die Jagd zu gehen. Wir erlegten Kaninchen und Fasane. Ich selbst ging ziemlich früh zu Schießwettbewerben, wo ich auch einige Pokale gewann. In meiner Kindheit gab es sozusagen nichts Normaleres als Waffen.

zeit: Wie immer machen Sie sich selbst zum investigativen Showmaster Ihres Films. Sie sind die meiste Zeit im Bild, befragen Rüstungsmanager und Zeugen von Gewalttaten, sprechen mit Amateur-Bombenbauern, der Bürgermiliz und sogar dem Bruder des Oklahoma-Attentäters. Sie fahren bis nach Kanada, um herauszufinden, weshalb die Kanadier weniger gewalttätig sind als Ihre Landsleute. Wissen Sie am Anfang eines Films ungefähr, was am Ende herauskommen wird?

Moore: Der Vergleich mit dem Showmaster ist gar nicht so schlecht. Er mag vielleicht die großen Linien seiner Show kennen, muss aber, sobald er auf Sendung ist, spontan auf die einzelnen Kandidaten reagieren. Ich habe durchaus vorgefasste Meinungen und Vorurteile über die amerikanische Kultur der Gewalt, die ich aber im Laufe des Films immer wieder über den Haufen werfe. Ich finde, ein Künstler muss die richtigen Fragen stellen und nicht unbedingt die Antworten parat haben. Viele Kritiker, selbst jene, die meine Filme mögen, verwenden Worte wie "Schrotflinten-Methode". Als ob ich das ganze Archivmaterial und die Interviews nur in die Luft werfe, um dann nachzusehen, was irgendwo liegen bleibt. Aber meine Arbeiten entstehen nicht willkürlich. Sie werden zusammengehalten durch einen Reflexionsprozess, an dem ich den Zuschauer teilnehmen lasse. Einzige Vorgabe ist, dass ein Film herauskommen muss, den ich an einem Freitag zusammen mit meiner Frau und einer Tüte Popcorn ansehen würde.

zeit: Einen gewissen Unterhaltungswert hat Ihr Besuch bei Charlton Heston, dem Präsidenten der US-Waffenbesitzervereinigung. Zunächst ist er ein williger Interviewkandidat und plaudert zu Hause entspannt über Feuerwaffen und die amerikanische Verfassung. Aber sobald Sie ihn auf die gesellschaftlichen Folgen des Waffenfetischismus ansprechen, verlässt er das Interview vor laufender Kamera. Waren Sie überrascht?

Moore: Ich habe es auf den Eklat ankommen lassen. Mitglied in Hestons Verband wurde ich direkt nach dem Massaker am Columbine College von Littleton, wo Eric Harris und Dylan Klebold 13 Menschen töteten, unter anderem mit Schüssen direkt ins Gesicht. Charlton Heston fuhr damals sofort nach dem Massenmord nach Littleton, als die Särge der Kinder noch nicht mal unter der Erde waren.

Und er kam gegen die Bitten der trauernden Eltern, gegen den Widerstand des Bürgermeisters. Er hielt eine seiner flammenden Reden für ultraliberale Waffengesetze. Damals war mein erster Gedanke: Ich muss Heston die Präsidentschaft der NRA abjagen, ihn rauswerfen und die ganze Organisation bloßstellen. Nach einem Monat schien mir das alles aber viel zu unangenehm und anstrengend. Stattdessen habe ich Bowling for Columbine gedreht, um zu den tieferen Strukturen dieser Gewalt vorzudringen.