Auch wer mehrmals das Jüdische Museum in Berlin oder das Guggenheim-Museum in Bilbao besucht, wird feststellen: Die gewohnte Übereinstimmung zwischen Baukörper und Innenraum, zwischen Fassade und Grundriss fehlt. Und dies will zu den bisherigen Architekturerfahrungen des Betrachters nicht passen, es verunsichert ihn und macht ihn zugleich neugierig. Er versucht sich vorzustellen, wie das Innenleben dieser dekonstruktivistischen Gebäudeskulpturen aussieht, welche Grundrisse die unvertraute Architektur verbirgt.

Wovon zeugt dieses Bestreben, bisher unbekannten Formen eine Bezeichnung zu geben, ihnen ein Ordnungssystem zu unterlegen? Offensichtlich vom Unbehagen, mit etwas konfrontiert zu werden, das bisher weder Gestalt noch Namen hatte.

So wie die beunruhigende Macht von Göttern und Dämonen gebannt wird, indem man ihnen einen Umriss in Form von Götzenbildern gibt, so schwindet partiell das Irritierende an uns bisher unbekannten Formen, wenn wir mit ihnen in gleicher Weise verfahren. Der vom Betrachter permanent betriebene Abgleich einer unbekannten Architektur mit bekannten Umrissen ist somit nichts anderes als der Versuch, sich der Verunsicherung zu entziehen - sie durch vertraute Gestaltmuster zu bannen. Doch ebendiese Verunsicherung ist notwendig, um die Alltagsperspektive zu wechseln, um Architektur mit anderen Augen zu sehen, unsere Sehgewohnheiten zu durchbrechen.

Im Außenraum wird diese verunsichernde Wirkung besonders dann spürbar, wenn Architektur mit fremdartigen Formen die gewohnte städtebauliche Ordnung stört. Doch auch im Innenraum, wo es diese Kontraste zwischen Ordnung und "Neuordnung" nicht gibt, lebt die Irritation fort. Warum? Weil wir Rechtwinkligkeit, Horizontalität und Vertikalität in uns tragen. Und zu diesen inneren Ordnungssystemen wollen jene Räume, die von der uns vertrauten Norm abweichen, nicht passen. Sie lassen sich eben nicht auf Bekanntes zurückführen, sondern stehen in ihrer Unbestimmbarkeit zahlreichen Sichtweisen, Assoziationen und Erlebnismöglichkeiten offen.

Je mehr wir uns ihnen zu öffnen vermögen, desto intensiver kehren wir zur Erlebnisfähigkeit unserer Kindheit zurück - in eine Zeit, die vor unserer Erfahrung räumlicher und zeitlicher Ordnungssysteme liegt. Was weiß ein Kind von Rechtwinkligkeit, davon, dass ökonomisches Denken und der Zwang zur Rationalisierung dieses Winkelmaß der Additions- und Stapelfähigkeit hervorgebracht haben? Ihm sind Höhlen, Zelte, selbst der amorphe Raum unter der Bettdecke gemäßer als die standardisierten Behausungen der Erwachsenen.

Horizontalität und Vertikalität muss es nach Verlassen des Mutterleibes zunächst erlernen. Auch von der Zeit gewinnt das Kind erst im Laufe vieler Jahre das schmerzliche Bewusstsein ihrer Vergänglichkeit und Endlichkeit.

Deshalb kehren wir, wenn Fantasie, Kreativität und Erlebnisfähigkeit angeregt werden, partiell in unsere Kindheit zurück, in jenen Bereich, in dem die Welt noch zeitlos und offen, die Nachmittage wie Ozeane und die Nächte Reisenächte durch den Kosmos unserer grenzenlosen Fantasie waren.