Die Vereinigten Staaten hörten 1972 auf, gegen das Virus zu impfen, Deutschland 1976. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte es Ende 1979 für ausgerottet. Aber noch in den achtziger Jahren produzierte das russische Institut für Virologie und Biotechnologie in Koltsowo jährlich mehrere Tonnen des Erregers. Heute ist die Angst groß, das hoch ansteckende Pockenvirus (Variola major) könnte bei einem neuen Terroranschlag als Waffe eingesetzt werden. "Dark Winter" hieß ein makabres Planspiel der US-Regierung im Juni 2000. Nach einem simulierten Pockenausbruch in Oklahoma City gab es nach zwei Wochen knapp tausend Tote. Weitere sechs Wochen später hatte sich das Virus in diesem Szenario auf 25 Bundesstaaten verbreitet und 300000 Menschen infiziert.

Offiziell und legal besitzt neben dem russischen Labor nur noch das Zentrum für Seuchenkontrolle in Atlanta/USA Referenzstämme für das Pockenvirus. Aus ihnen können Impfstoffe gewonnen werden. Amerikanische Geheimdienste wollen nun herausgefunden haben, dass neben dem Irak und Nordkorea auch Frankreich geheime Pockenlager angelegt habe. Das Pariser Außenministerium wies den Vorwurf empört zurück. Kein Dementi dagegen aus den beiden "Schurkenstaaten".

Dass Pockenviren aus unsicheren Depots in Terroristenhände gelangt sein könnten, ist nicht auszuschließen. Und anders als bei Milzbrandsporen, die fein zerstäubt werden müssen, wäre die Verbreitung der Seuche recht einfach. Ein infizierter Selbstmordattentäter in einem Kinosaal würde ausreichen. Denn die infektiöse Dosis von Variola- Viren ist gering; schon zehn Viren können für eine Ansteckung reichen (für eine Milzbrandinfektion müssten hingegen mindestens 8000 Keime eingeatmet werden).

Das Bundesgesundheitsministerium will nun langfristig Depots mit Pockenimpfstoff für alle 80 Millionen Bundesbürger anlegen. Bisher stehen nur 24 Millionen Dosen zur Verfügung. Anfang Oktober bestellte die Bundesregierung weitere elf Millionen Dosen im Wert von 26,8 Millionen Euro. Die Niederländer lagern bereits Impfstoffe für die gesamte Bevölkerung. Die Bush-Regierung möchte sogar sämtlichen Amerikanern eine Schutzimpfung anbieten, angefangen bei zehn Millionen Ärzten, Krankenhausangestellten und Gesundheitsarbeitern.

In Deutschland hat nach Angaben des Berliner Robert Koch-Instituts ein Drittel der Bevölkerung überhaupt keinen Impfschutz. Das betreffe vor allem die unter 30Jährigen. Doch sie alle zu impfen wäre nicht ganz ungefährlich. Statistisch kommen auf eine Million Impfungen ein Todesfall und 1300 schwere Komplikationen, etwa eine Hirnhautentzündung. Würde die gesamte ungeschützte amerikanische Bevölkerung geimpft, müsste man demnach 180 Tote in Kauf nehmen. Die Nebenwirkungen lassen sich allerdings verhindern, wenn ein Vorimpfstoff injiziert wird. Über diesen verfügt in Deutschland bislang nur die Bundeswehr, die im September eine Million Dosen des Präparats orderte.

Den letzten Pockenausbruch gab es in Deutschland im Januar 1970 in Meschede im Sauerland. Ein Elektriker war nach seiner Rückkehr von einer Reise nach Pakistan mit Durchfall und hohem Fieber ins Krankenhaus eingeliefert worden. Als sich zwei Tage später erste Pusteln zeigten, verlegten die Ärzte den Mann auf eine Isolierstation. Gleichwohl waren am Ende 19 Menschen infiziert worden, selbst ein Hospitalbesucher, der nur für einen Augenblick die Tür zu dem Krankenzimmer geöffnet hatte. Unter den Opfern war damals auch eine 17jährige Schwesternschülerin – sie starb trotz Impfung.