Die lesende Welt hatte Glück, dass John Updike gleich am Anfang, 1960, das Thema seines Lebens gefunden hatte, von dem er sich in seinen sechzehn Romanen und ungezählten Kurzgeschichten seither niemals weit entfernen sollte. Es war einfach das nächstliegende, jenes, in dem er sich auf der Stelle gründlich auskannte und das gleichzeitig eines der fernstliegenden, der literarisch am wenigsten erforschten war: der weiße amerikanische Mittelstand, genauer die weiße amerikanische Mittelstandsfamilie, jenes gesellschaftliche Stratum, das Sinclair Lewis mit Babbit & Co. ins Literaturunwürdige hinwegkarikiert hatte.

Auf den ersten Blick: das allerbanalste aller Themen. Aber Updike schenkt den vermeintlichen Witzfiguren seinen zweiten Blick, und unter diesem erweist sich die herablassende Häme als voreilig. Solches ist der anhaltende Reiz der Updike-Lektüre: Man sieht mit an, wie das Banale Funken schlägt. "Something fierce is going on in homes", hat Updike einmal gesagt, etwas Wildes, Böses, Grimmiges, Ungestümes, Verbissenes geht in den Familien vor sich - es gibt kein deutsches Wort, das das Bedeutungsspektrum von fierce umschlösse.

Updikes Normalmenschen, Bürger, Spießer werden einem nicht sympathischer oder unsympathischer dadurch. Hochmut würde nicht ganz zu Unrecht auf ihre Grabsteine schreiben: "Wenn es hoch kommt, ist das Leben Shoppen & Ficken gewesen." Aber dem Leser geht auf, dass solch böswilliges Resümee eine Menge verpasst - und dass Hochmut etwas ist, das man sich erst einmal leisten können muss. Updikes Mittelständler sind zwar oft hart, naiv, borniert, egoistisch, materialistisch und unmusisch, aber auch großmütig, uneitel, selbstkritisch und ganz und gar nicht flach.

Es passiert "nichts weiter" in ihrem Leben - aber das ist gerade genug. Von weitem betrachtet, ist es immer die gleiche Litanei: Der Beruf macht keinen rechten Spaß, Ehepartner verlassen einander, finden auch anderswo nicht das Glück, Kinder geraten anders, als die Eltern es sich vorgestellt haben, Eltern verhalten sich nicht so, wie die Kinder es gewünscht hätten, Groß- und Schwiegereltern geben ungebeten ihren Senf dazu, unnötige Beziehungsgespräche finden statt, nötige fallen aus, Schuld wird verteilt und umverteilt, die Liebe reicht nicht, die Rücksicht reicht n icht, das Geld reicht nicht, die Atemluft reicht nicht, und alles wiederholt sich Generation um Generation: Was der erwachsene Sohn, die erwachsene Tochter endlich den eigenen Eltern vorzuwerfen wagt, tun sie gerade den eigenen Kindern an, und deren knospende Verhaltensmuster lassen erkennen, dass es immer so weitergehen wird. Flucht gibt es nicht, oder nur zu einem horrenden Preis. "Wenn die Gesellschaft das Gefängnis ist, dann sind die Familien die Zellen, und für gute Führung gibt es keinen Freigang. Gute Führung trägt sogar zur Verlängerung der Haftstrafe bei." Auch das stammt von Updike. Er legt es Rabbits Sohn in den Mund, der Hauptfigur seines neuen, des fünften Rabbit-Romans.

Verstörend ist Updikes Fairness

Updikes Figuren sind geradezu demonstrativ Durchschnittsmenschen, die ein demonstrativ durchschnittliches Leben führen. Während Schriftsteller, besonders die deutschen, mit Vorliebe über das Schriftstellerleben schreiben, am liebsten ihr eigenes, und ihre Alter Egos dabei allenfalls mit irgendeinem unglaubwürdigen fremden Mäntelchen tarnen, ist Updikes Erzählwerk bemerkenswert extrovertiert. Unter den Hauptfiguren dieser fünf Romane sind ein Autohändler, ein Versicherungsagent, ein Sozialarbeiter, eine Maklerin, eine Altenpflegerin, aber kein einziger Literat, Intellektueller, Deutungsbevollmächtigter. Sie reflektieren kaum, jedenfalls nicht sprachlich - sie sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, und ihr Autor sagt an ihrer Statt, was. Nur gelegentlich gönnt er ihnen einen poetischen Kommentar "Wir sind alle wie unser kleiner blauer Planet, hängen wie er im schwarzen Raum, aufrechterhalten von nichts als unseren gegenseitigen Versicherungen, unseren liebevollen Lügen." Vor allem nimmt Updike die Momente unter die Lupe, wenn wir noch rücksichtslos, unzensiert, unsozialisiert übereinander denken, wenn in uns noch alles brodelt und gärt, die Konflikte noch nicht entgegenkommend geglättet sind.

In keinem seiner Bücher hat Updike sein Thema und seine Methode so konsequent verfolgt wie in den fünf Rabbit-Romanen, die dieselbe Familie aus dem Südosten Pennsylvanias, Updikes Heimat, jeweils im Abstand von zehn Jahren vorführen - ein ungewöhnlicher Fall in der Erzählliteratur, diese Akkumulation von Vergangenheit in Realzeit. Sie führt dazu, dass jede Figur immer mehr Relief zu gewinnen scheint, denn was verleiht dem menschlichen Bewusstsein so etwas wie Tiefe wenn nicht die wachsende Ansammlung individueller Erinnerungen, die jedes Erleben über das bloße Präsens hinausheben?