Petra Stielicke hat den höchsten Arbeitsplatz in ganz Nordrhein-Westfalen. Die Wetterfachkraft vom Deutschen Wetterdienst sitzt in ihrem Büro im windumtosten Astenturm, oben auf dem Kahlen Asten, dem zweithöchsten Berg im Sauerland, 841 Meter hoch. Wenn die Sonne scheint und die Luft glasklar ist, kann Petra Stielicke im Nordosten sogar ihre frühere Heimat sehen, den Ostharz mit dem Brocken. "Schön gruselig" findet Frau Stielicke es im Astenturm, "wenn Wetter ist". So wie in den vergangenen 24 Stunden! Windstärke 8, 25 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, Höchsttemperatur 4,4, Tiefsttemperatur minus 0,8 Grad, Sonnenschein Fehlanzeige. Obendrein starker Schneefall, sieben Zentimeter liegt er hoch.

Wintereinbruch Mitte November? Im Sauerland? Soll man jetzt sofort aufbrechen – zum Skifahren und Rodeln? "Gemach", sagt Frau Stielicke und zeigt auf die Grafik an der Wand ihrer Turmstube. Die blauen Balken markieren die Anzahl der Tage mit einer Schneedecke von mehr als 20 Zentimetern, die weißen die maximale Schneehöhe. Rauf und runter gehen die Schneebalkenkurven durch die Jahrzehnte, aber seit Ende der achtziger Jahre werden die Balken immer kleiner. Frau Stielicke legt den Finger auf den tiefsten Punkt, das Winterloch 1988/89, keine 20 Tage mit 20 Zentimetern Schnee. Nein, das sei noch kein Trend, versichert sie, aber das Sauerland habe seitdem keine wirklich stabilen Schneewinter mehr gehabt.

Eingeschneite Orte, die tagelang von der Umwelt abgeschnitten sind, Lawinenabgänge und Gletscherspalten kennt das Sauerland nicht. Doch wenn er wegbleibt, "der unerlässliche Schnee, der sich zeitlich unberechenbar aufs Sauerland zu senken pflegt", wie eine Zeitschrift vor 25 Jahren schrieb, rentiert sich das Geschäft im "Land der tausend Berge" nicht mehr. Deshalb soll jetzt alles anders werden. Eine große Koalition aus Politik und Wirtschaft, Sport und Touristik hat sich in den Kopf gesetzt, das Hochsauerland zur "größten Wintersportregion nördlich der Alpen" zu machen, verspricht Ernst Schwanhold, Nordrhein-Westfalens ehemaliger Wirtschaftsminister. Schließlich habe das Sauerland 280 Hektar Pistenfläche und 140 Skianlagen, Platz für mindestens eine Million Wintertouristen. Das "Bevölkerungspotenzial" sei vorhanden, stellt auch der Westdeutsche Skiverband fest, das Sauerland liege im Vorgarten des Ruhrgebiets. Genügend Skifahrer gebe es ebenfalls, immerhin hätten 1,2 Millionen Nordrhein-Westfalen angegeben, schon einmal Ski gefahren zu sein.

Also wurde eine große Studie entworfen namens "Wintersportarena Sauerland/Siegerland-Wittgenstein". Der so genannte MasterplanII beinhaltet nicht viel mehr als den Vorschlag, die Infrastruktur auszubauen und eine Werbeaktion zu starten, um den Wintertourismus im Hochsauerland auf Trab zu bringen. Dass dies alles bitter nötig sei, fand man mit MasterplanI heraus, der im Juni 2001 noch die Frage zu beantworten hatte: "Sind wir überhaupt noch eine Wintersportregion?" Die Antwort hieß: Ja, eigentlich schon, aber nur in Höhenlagen über 600 Metern und auch nur, wenn maschinell erzeugter Schnee verschossen wird. Arbeiten die Schneekanonen, können die alpinen Schneepisten 60 bis 80 Tage genutzt werden – garantiert. Das wäre gut für das 70 Quadratkilometer große Kerngebiet um den Kahlen Asten mit Winterberg, Neu- und Altastenberg sowie Bödefeld-Hunau, zu dem sieben Skigebiete mit rund 50 Aufstiegshilfen gehören.

MasterplanII soll nun alles in Bewegung setzen. In Kürze wird sich ein Verein gründen, in dem Kommunen, Liftbetreiber, Hotels und der Westdeutsche Skiverband so einiges auf den Weg bringen wollen: Ein einheitliches Ticketsystem, einen regionalen Skipass, sogar einen Bus-Shuttle soll es zwischen den Skigebieten geben. Die Qualität der Gegend steigern, darum soll es gehen. Nicht um neue Skigebiete oder neue Liftanlagen. Kühne Zahlenakrobaten prognostizieren, dass in Zukunft dreimal so viele Wintertouristen ins Sauerland reisen, nüchterne Analysten hingegen wären schon zufrieden, wenn die Zahl von 330000 Besuchern gehalten würde.

"Das Eisbrecher-Projekt des Masterplans" nennt Meinolf Pape von der Postwiesen-Liftgesellschaft deshalb die zwei Millionen Euro teure Beschneiungsanlage in Neuastenberg, an der sich das Land Nordrhein-Westfalen mit 850000 Euro beteiligt. Da die Postwiese wie viele Skigebiete in so genannten Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebieten liegt, musste das Projekt ein strenges Genehmigungsverfahren durchlaufen. Umweltverbände forderten, dass ein Biologe den Bau überwacht. Und der setzte durch, sagt Liftbetreiber Pape, dass die Rohrleitungen der Anlage um hundert Meter verlegt wurden, damit die seltenen Pflanzen des Heidegebiets wie Bärlapp und Habichtskraut, Arnika und Knabenkraut eine Chance haben, zu überleben.

Der Fokus liegt klar auf Pommes Frites und Currywurst

Unten im Tal verbuddeln Arbeiter an diesem nasskalten Novembertag die letzten Rohre und dichten den Speicherteich für die Wasserversorgung der Beschneiungsanlage mit Natursteinen ab. 15 neue leistungsstarke Schneekanonen stehen oben an der Bergstation neben dem Après-Ski-Bistro Lawine auf einer Wiese und warten auf ihren ersten Einsatz. Mitte Dezember, zum Saisonbeginn, fällt der Startschuss zur "Megaparty mit Schneekanonen". Dann spucken die blau-gelben Aggregate in drei Tagen 30 bis 40 Zentimeter "komprimierten Schnee" auf drei Pisten. Der maschinell erzeugte Schnee hält auch eine Woche fieses Tauwetter aus und liefert die ersehnte Schneesicherheit.