Deutsche und amerikanische Nachrichtendienste sind sich einig: Ja, Osama bin Laden lebt, und, ja, er war es, der in der vergangenen Woche per Tonbandaufnahme im arabischen Fernsehsender al-Dschasira mit neuen Terroranschlägen drohte. "Was bezwecken eure Regierungen damit, sich mit der Verbrecherbande im Weißen Haus gegen die Muslime zu verbünden", fragte der Al-Qaida-Chef aus dem Off, "wissen eure Regierungen nicht, dass die Verbrecher im Weißen Haus die größten Schlächter dieser Zeit sind? (…) Ich nenne im Besonderen Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada, Deutschland und Australien." Schon am 8. Oktober hatte bin Ladens Stellvertreter, Aiman al-Sawahiri, Alarmstimmung bei den deutschen Sicherheitsbehörden ausgelöst. "Sollte die Dosis nicht ausreichend gewesen sein, sind wir bereit, sie zu erhöhen", drohte er, auf den Brandanschlag im tunesischen Dscherba im April anspielend, bei dem 14 deutsche Touristen ums Leben gekommen waren.

Erhält Deutschland jetzt die Quittung für seine uneingeschränkte Solidarität während des amerikanischen Afghanistan-Feldzugs? Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), August Hanning, erwartet einen neuen Anschlag "größerer Dimension" und glaubt, dass auch Deutschland von einer "höheren Bedrohung" ausgehen muss. Keine Panik, Ruhe bewahren, rät Bundesinnenminister Otto Schily, fordert aber gleichzeitig: "Wir müssen wachsam bleiben."

Wahr ist sicherlich, dass für Panik kein Anlass besteht, auch wenn Deutschland nun auf der offiziellen Zielliste der al-Qaida steht. Aber ist das Land für diese Gefahr gerüstet ? Noch im Herbst 2001 warnte der Verfassungsschutz, Deutschland sei ein "soft target", ein leicht verwundbares Ziel für islamistische Terroristen.

Vor knapp zwei Wochen machte der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) die Terrorgefahr, die hessische Landtagswahl fest im Blick, zum Thema. "Deutschland und andere europäische Staaten sind durch Angriffe mit biologischen Waffen, vor allem Pockenviren, bedroht", sagte Koch, die Bundesregierung habe Angst zuzugeben, wie es um die tatsächliche Bedrohung bestellt sei. Deutschland lagere nicht einmal genug Impfstoff, um ein Drittel der Bevölkerung zu schützen. Tatsächlich wäre ein Angriff mit Pockenviren denkbar (siehe nebenstehenden Kasten). Auch könnten Terroristen radiokatives Material mit konventionellem Sprengstoff vermengen und zünden, also so genannte "schmutzige Bomben" einsetzen. BND-Chef Hanning in neuer Offenheit: "Da schließe ich keine Überraschungen aus." Der Nachrichtendienst glaubt allerdings nicht, dass al-Qaida in der Lage ist, eine Nuklearwaffe einzusetzen.

"Wahrscheinlich wird man auf das konkret eintretende Ereignis ohnehin nicht vorbereitet sein", sagt der Geschäftsführer der Ständigen Konferenz für Katastrophenvorsorge und Katastrophenschutz, Thomas Kaspari. "Vor dem 11. September hat schließlich auch niemand geglaubt, dass Terroristen Verkehrsflugzeuge in ein Hochhaus steuern würden." Nach dem 11. September hat die Bundesregierung allerdings zuvor geplante Einsparungen beim Katastrophenschutz wieder zurückgenommen – allein das Technische Hilfswerk erhielt 25 Millionen Mark aus dem Antiterrorpaket, eine Investition, die sich kürzlich bei der Elbe-Flut bezahlt machte. Ebenfalls seit einem Jahr bastelt die Innenministerkonferenz an einer neuen "Strategie zum Schutz der Bevölkerung". Bis März 2003 soll eine Arbeitsgruppe Vorschläge vorlegen, wie das Durcheinander von 17 verschiedenen Katastrophenschutzkompetenzen entwirrt werden kann. Bislang hat jedes der 16 Bundesländer eigene Befugnisse für den Katastrophenschutz, der Bund ist für den Zivilschutz im Kriegsfall zuständig. In den USA vereint George Bush die Zivilschutzbehörden gerade in einem gigantischen "Heimatschutz"-Ministerium.

Auch bei der Prävention sind andere Staaten zügiger zugange als Deutschland. Es fehlt hierzulande beispielsweise, obwohl schon lange von Experten gefordert, eine gemeinsame Computerdatei Islamischer Terrorismus, in die Bundeskriminalamt, Bundesgrenzschutz, Zollkriminalamt und Ausländerbehörden ihre Datensätze einstellen könnten. In Amerika und Kanada haben Antiterrorgesetze schon längst Verbundsysteme geschaffen zwischen Geheimdiensten, Zoll, zentraler und lokaler Polizei, Militär und Finanzaufsicht. Frankreich schließt Polizei, Militär und Zoll in Antiterrorkoordinationsgruppen zusammen. Dagegen kann es in Deutschland noch immer passieren, dass Verkehrspolizisten einen scheinbar harmlosen Autofahrer kontrollieren, der beim Zoll längst als Waffenschieber bekannt ist.

Mitschuld an diesen Defiziten trägt das marode Informationssystem der deutschen Polizei, kurz INPOL, das noch aus den siebziger Jahren stammt. Nach über zehn Jahren Entwicklungsarbeit wollte das BKA im Frühjahr 2001 ein neues Computersystem (INPOLneu) in Betrieb nehmen, das in der Lage gewesen wäre, selbst schwache Ähnlichkeiten und Verbindungen aufzuspüren – unterschiedliche Schreibweisen von arabischen Namen beispielsweise. Allein: Die komplexe Software ist fehleranfällig und bis heute nicht funktionsfähig. Das ganze Projekt liegt seit einem Jahr auf Eis. Inoffiziell geschätzte Gesamtkosten für den Flop: 400 Millionen Euro. In einem Prüfbericht kommt der Bundesrechnungshof zu dem Ergebnis, dass es nicht sicher sein könne, ob INPOLneu jemals funktionieren werde: "Dies ist besonders misslich, da INPOLneu wegen seiner neuen Möglichkeiten (…) eine wesentliche Komponente der Terrorbekämpfung hätte sein können."

Langfristig erfolgversprechend, auch da ist sich die Bundesregierung mit Terrorismusexperten einig, wäre eine konsequentere Unterbrechung der Finanzströme von Terrorgruppen. Zwar steht seit der Einführung des neuen Paragrafen 129b Anfang dieses Jahres auch die Unterstützung ausländischer Terrorgruppen in Deutschland unter Strafe; eine ausdrückliche, zusätzlich abschreckende Strafandrohung für Terrorfinanziers aber gibt es nicht. Dagegen drohen den Geldgebern der Terroristen in Australien seit der Verabschiedung der Supression of Financing Terrorism Bill im Oktober bis zu 25 Jahren Haft. Dänemark nahm Ende Mai den Artikel 114a in das Strafgesetzbuch auf, der Finanzierung und andere Unterstützungshandlungen für den Terrorismus unter eine Strafandrohung von zehn Jahren stellt. Und in Frankreich wurden schon vor einem Jahr Finanzierung und Insidertrading zu selbstständigen Terrorismustatbeständen.