Brüssel/Berlin

Nato-Generalsekretär George Robertson begann neulich in Berlin eine Rede über die Zukunft der Nato mit einer Anekdote, die nicht in seinem Manuskript stand: Ein Journalist habe den russischen Präsidenten Boris Jelzin einmal gebeten, die Lage des Landes in einem Wort zu beschreiben. Die Antwort: "Gut." Der Journalist hakte nach: und in zwei Wörtern? "Nicht gut."

Mit Pokergesicht fügte Robertson hinzu: "Keine Ahnung, warum mir diese Geschichte jetzt eingefallen ist!" Großes Gelächter. Denn Jelzins Antworten beschreiben präzise die Lage des mächtigsten Militärbündnisses der Welt.

Auf der Habenseite wird in Europa mit Erleichterung vermerkt: Die Vereinigten Staaten, die nach dem 11. September trotz der feierlichen Erklärung des Bündnisfalles weitgehend auf die Hilfe der Allianz verzichteten, zeigen wieder Interesse an der Nato. Das Prager Treffen der Staats- und Regierungschefs in dieser Woche – ursprünglich einberufen, um ein paar osteuropäische Neuzugänge zu begrüßen –, wurde unter dem Druck aus Washingtons zum "Transformationsgipfel" umfunktioniert. Die Mitglieder, lautet die neue Losung, sollen ihre militärischen Fähigkeiten modernisieren, das Bündnis müsse effizienter werden und sich besser für den weltweiten Kampf gegen den Terror rüsten.

Robertsons Leute im Brüsseler Hauptquartier stecken nun ebenso wie die europäischen Verbündeten in einem Dilemma. Dass die Nato sich verändern muss, um zu überleben, ist in der Allianz durchaus Konsens – dazu bedurfte es nicht der herablassenden Warnung in Amerikas neuer National Security Strategy: "Wenn es der Nato gelingt, diese Änderungen zu vollziehen", ist dort zu lesen, "wird die Belohnung eine Partnerschaft sein, die so zentral für die Sicherheit und Interessen ihrer Mitglieder ist wie im Kalten Krieg." Einiges ist sogar leichter geworden, weil manch alter Streit im vergangenen Jahr schweigend beigelegt wurde. Nur: Dadurch sind neue Spannungen frei geworden, so gewaltig, dass sie das Bündnis zerreißen könnten.

Neue Zerreissproben

– Alle wollen in den Club der Sieger: Mit dem Warschauer Pakt verschwand auch die Ostgrenze der Nato. Der seitdem schwelende Streit um die Aufnahme neuer Mitglieder – Washington drängelte, die Europäer, allen voran die Deutschen, mauerten – hat sich im vorigen Jahr mit Moskaus Entscheidung, sich der Nato anzunähern, von selbst erledigt. Gut so. Denn es ist im ureigenen Interesse Europas, seine Erfolge bei der Westanbindung neuer Demokratien (Griechenland, Spanien, Portugal) und bei der Integration von deren Streitkräften in Richtung Osten zu exportieren. Das Drängen in den Club der Sieger stellt die Nato allerdings vor ungeahnte militärische und politische Herausforderungen. Wie soll etwa eine Allianz, die nach dem Konsensprinzip arbeitet (das jedem Verbündeten ein Veto gibt), mit 26 Mitgliedern oder mehr überhaupt noch irgendetwas gemeinsam entscheiden?

– Gefahren kennen keine Geografie. Der Feind von einst ist weg, statt seiner lauern diffuse, aber kaum weniger tödliche Gefahren – vom Terrorismus bis hin zur Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und Raketen. Spätestens am 11. September wurde klar, dass sich auch der Terror globalisiert hat; Angriffe können in weiter Ferne vorbereitet werden und doch den Westen ins Mark treffen. Sogar französische Diplomaten, die sich jahrelang hartnäckig gegen US-Bemühungen wehrten, den Aktionsradius der Nato über die "euro-atlantische Zone" hinaus zu erweitern, sagen heute: Der Streit ist sinnlos geworden.