Tuzla/Srebrenica

Sie scherzen, grüßen, flirten, rauchen. Alle wie einer. Fast alle. Senad Djozić wirkt eine Spur blasser, spitzer, stiller, wenn die Kommilitonen am Morgen auf den Stufen vor der Philosophischen Fakultät stehen. Ins bosnische Mittelalter will er sich einarbeiten, der 24-jährige Student der Geschichte an der Universität Tuzla. Manchmal macht ihm die Konzentration zu schaffen. Auch entspannen kann er sich nicht lange. Aber natürlich ist er einer wie alle in seiner schwarzen Lederjacke. Niemand soll ihm ansehen, wenn er auf die Zähne beißt, um zu vergessen.

Das muslimische Kopftuch zum Beispiel hat er oft vor Augen. Er kann es dann auf den Haaren spüren, selbst wenn er die stolze Lederjacke trägt. Das Kopftuch! Blitzschnell ziehen sie auf, die Gewitter der Erinnerung.

"Das Kopftuch!", flüstert Ajša, die Mutter, angstverzerrt. In rasender Eile bindet sie es dem 16-jährigen Jungen um. Das Kopftuch ist ihre letzte Hoffnung. Senad darf nicht sterben. Allah ist mit der gläubigen Bauersfrau. Die serbischen Soldaten lassen das vermeintliche Mädchen passieren. Senads Schulfreund dahinter nicht. Nermin, Jahrgang 1979, wird selektiert. Senad sieht ihn nie wieder.

Was er gesehen hat in jenen Julitagen, wenn er in Todesfurcht unterm Kopftuch hervorblickte, verfolgt ihn bis heute. Nicht nur in seinen Träumen. Die wiederkehrenden Sequenzen, die Flash-backs, können ihn noch immer am helllichten Tage überfallen.

Die Bilder sind grell. Die Sonne wütete über der Panik. Es war der 11. Juli 1995, der Europa und den USA, der Nato und den Vereinten Nationen das schlimmste Schandmal der Nachkriegszeit einbrannte. Die serbischen Verbände eroberten das ostbosnische Srebrenica, begannen mit der Vertreibung der Muslime. General Ratko Mladićs Truppen hatten die einst blühende Bergbaustadt schon seit drei Jahren abgeschnitten. Doch die von bosnisch-muslimischen Flüchtlingen überfüllte, hungernde Enklave war immer noch die erste UN-Schutzzone der Welt. Jetzt, als die Serben die Stadt vom Süden her überrollten, ließ der Westen sie fallen. Die hilflosen Blauhelme verloren den Mut, den Kopf und ihre Ehre.

Um 15 Uhr an diesem Tag trennt sich Senads Familie. Ein Abschied für immer. Sie stehen am noch freien Postamt mit den blutroten Klinkern. Vater Asim, der Forstmann, will sich mit Senads 21-jährigem Bruder Elvir durch die Wälder schlagen, auf freies Territorium. Er möchte, dass Senad, der 16-Jährige, bei Großmutter, Mutter und der 19-jährigen Schwester Elvira bleibt. Sie sollen dem Strom der Frauen, Kinder und Alten folgen, die drei Kilometer weiter nördlich im Dorf Potočari beim holländischen UN-Bataillon ("Dutchbat") Zuflucht suchen.