Ab sofort werde er daran arbeiten, die deutsche Sozialdemokratie "strukturell mehrheitsfähig" zu machen, verkündete unlängst der frisch berufene SPD-Generalsekretär Olaf Scholz. Das war origineller, als es schien.

Wahlen gewinnen wollen in der Politik zwar weiterhin alle gern. Doch die Rede von strukturellen, also in gesellschaftlichen Konflikten und kollektiven Interessenlagen, Einstellungen und Mentalitäten gründenden Mehrheiten schien in den deutschen Parteien aus der Mode gekommen. Fixe Werbeleute und vorlaute Image-Akrobaten waren es, die im Wahljahr 2002 den Ton angaben. Ratloses Gerede über kaum je näher definierte "Wechselwähler" aus der diffusen "Mitte" kennzeichnet längst den Jargon der Kombattanten.

So drängt sich der Eindruck auf, dass die Fähigkeit zur systematischen Deutung großer gesellschaftlicher Trends in den deutschen Parteien ziemlich verkümmert ist. In welcher Gesellschaft wir eigentlich leben, wohin sie sich entwickelt und was daraus für die Parteien folgt - auf solche Fragen erhält man vom politischen Personal der deutschen Republik kaum noch erhellende Antworten. Es fehlt an Sprache und Gespür, es fehlt an geeigneten Kriterien und Kategorien. Es fehlt, kurzum, an soziologischem Durchblick.

Mit wie viel Nutzen der Zusammenhang zwischen sozialem Wandel und Parteienentwicklung studiert werden kann, führt ein brillantes neues Buch vor, das derzeit in der politischen Szenerie der Vereinigten Staaten für Aufsehen sorgt. In The Emerging Democratic Majority erläutern John B. Judis und Ruy Teixeira, weshalb die Demokraten die Partei der kommenden Jahrzehnte sind. Das verblüfft zunächst. Ist Amerika unter George W. Bush etwa keine konservative Gesellschaft? Und hat nicht der jüngste Sieg der Republikaner diesen Befund gerade erst wieder bestätigt?

Nur bei oberflächlicher Betrachtung. Mit guten Gründen raten die Autoren zur sorgfältigen Unterscheidung zwischen aktuellen Ereignissen und langfristigen Trends. Das zentrale Thema der amerikanischen Kongresswahlen dieses Jahres war die nationale Sicherheit. Das hat die Partei des amtierenden Präsidenten begünstigt. Gewinnen hingegen innenpolitische Fragen wieder an Bedeutung, dürfte es schon bald anders aussehen. Denn der säkulare Umbruch zum postindustriellen Kapitalismus, so die einleuchtende These von Judis und Teixeira, erschafft nach und nach nicht weniger als eine neue Gesellschaft mit neuen Prägungen und Strukturen - und diese wiederum ein ganz neues Parteiensystem.

Im Sog der Demografie

Die Arbeitsformen der Wissens- und Dienstleistungsökonomie bringen libertäre Orientierungen hervor, pluralistische Wertmuster und veränderte städtische Siedlungsweisen. Dies alles begünstige strukturell die Demokraten. Deren Nähe zu einstigen Minderheitenthemen wie Ökologie und Verbraucherschutz, Frauenemanzipation und Selbstverwirklichung habe der Partei an der Wahlurne jahrzehntelang geschadet. Inzwischen jedoch, unter den Bedingungen der postindustriellen Wissensökonomie, sind die Minoritäten von einst zum "progressiven Zentrum" des Landes geworden, die Vorlieben der einstigen counter culture erweisen sich als Anliegen der amerikanischen Gesellschaft insgesamt. "Die Demografie arbeitet für die Demokraten", schreiben Judis und Teixeira. "Wir erleben das Ende der republikanischen Hegemonie."