Kein großes Bedauern: Das Männerwohnheim in der Brigittenau in Wien wird geschlossen. Und doch leichte Wehmut, wie bei jedem Verschwinden von Gebäuden, in denen sich Vergangenheit festgesetzt hat, sodass mit dem Abriss das schwer definierbare Gefühl endgültig unfassbar wird. Als würde Leben direkt von der Straße weg, vom Haus nebenan ins Museum der Geschichte überführt. Im Februar 1910 zog der 21-jährige Adolf Hitler in jenes Wohnheim, wo er bis zum Mai 1913 lebte, malte und zeichnete, von der Akademie abgewiesen wurde und seine Schuldigen fand: Juden und Marxisten. Es war kein Obdachlosenasyl mit Massenmenschhaltung, eher ein billiges Apartmenthaus für freilaufende männliche Singles, 544, um genau zu zählen. Und eine zweite Eigenart beherbergte der Ort: Der Judenhass wohnte in einem Heim, das von jüdischen Mäzenen finanziert war.

"Der Barde von Bayreuth hatte Recht", bellt der verzweifelte Hitler den mosaischen Bücherwurm Schlomo an, "Juden und Radfahrer sind an allem Schuld!"

- "Was hast du gegen Radfahrer?", fragt Schlomo hinterrücks und besiegelt resigniert den Pakt. George Tabori wählt für sein Theaterstück Mein Kampf das Männerwohnheim in der Wiener Meldemannstraße als Schauplatz seiner Farce über die unaufhaltsame Verkettung zwischen Gott und Teufel, Juden und Faschisten, Opfern und Tätern. Als Hörspiel für sechs Personen präsentierte es sich 1988, und um das Wenigste zu sagen: Die Stimme von George Tabori in der Rolle des Schlomo Herzl würde schon genügen, um diesem Stück zu verfallen. Er nuschele sich durch seine Rolle, könnte man schreiben, und träfe damit nur den Grundton. Er raunzt, bläst und krächzt ganz leise, er schmeichelt im Wiener Hochösterreichisch und schaukelt auf den Wellen melancholischer Gelassenheit, das pure Ausatmen trägt die Wörter auf dem Luftstrom. Ja, manchmal scheint Taboris Stimme wie das Kardiogramm eines müden Herzens.

Neunzehnhundertdonnerstag in Wien treffen sich Schlomo, fliegender Buchhändler, der das Kamasutra und die Bibel verkauft, sein Freund Lobkowitz (Detlef Jakobson), der sich für Gott hält, und Hitler (Günter Einbrodt), direkt aus Braunau kommend. Schlomo Herzl schreibt an einem Buch, für das ihm nicht nur der Anfang, sondern auch der Titel fehlt: Mein Leben, meine Memoiren, Schlomeo und Julia, Warten auf Schlomo, Schlomo ohne Eigenschaften, Ecce Schlomo? Bis er plötzlich den zündenden Einfall hat, Mein Kampf. Der hat das Zeug zu einem Bestseller. "Das ist es!" Später wird Schlomo den Tod in ein Gespräch über das Buch verwickeln und damit verhindern, dass er, in diesem Fall eine gemütlich schwäbelnde Sie (Sonja Sutter), den Hitler holt ("Nun ja, das mag der Sinn von Dichtung sein, den Tod zu beschwatzen und ihn hinzuhalten"). Noch ein paar Tage später wird Hitler mit seinen zwölf Patrioten nach dem Buch suchen, um Notizen über seine Zeit im Männerwohnheim zu vernichten. Ein Buch, von dem nur der letzte Satz existiert: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute."

Schlomo erzählt. In Beispielen, in Rätseln, er weist Hitler dessen jüdischen Stammbaum nach, erzählt Gretchen (Leslie Malton) die große Lüge vom Vater, dem Drehorgelspieler, jenem Juden, der sich endlich gewehrt hat gegen die Kosaken, und Gretchen rubbelt ihn dafür ein bisschen. Doch er weiß auch, dass Erzählen machtlos ist gegen die Sachlichkeit, mit der Hitler schließlich beschreibt und vorführt, wie man ein Huhn tötet, es bluten lässt und in seine Einzelteile zerlegt. Gegen die Macht hilft keine Anekdote. Oder, wie es im Witz von den zwei Schächern am Kreuz heißt: "Tut's weh?" - "Nur, wenn ich lache!" Bestenfalls lachen sie sich zu Tode.

George Taboris Mein Kampf ist die zeitlose Geschichte vom Guten, das dem Bösen dient, von der Komik in der Tragik. Der junge Hitler ist leider ein Mensch. Deshalb tut er Herzl leid, er kümmert sich um ihn, näht ihm den Knopf an und gibt ihm gute Ratschläge, das heißt, er redet mit ihm, vielleicht liebt er ihn. Das ist der entscheidende Fehler. Aber, was soll man machen?

Unmenschlich werden wie er? "Pass auf, Schlomo Herzl, die Liebe ist lebensgefährlich!" Doch das rührend Gütige, das im Schlomo steckt, bekommt durch Taboris Stimme ein Bewusstsein von bittersüßer Gelassenheit. Wer kann das so unvergleichlich wie der 89-jährige Weise, dessen selbstironische Erinnerungen Autodafé gerade erschienen sind? Den Blick auf die Welt und mittendrin.