Seymour Glass ging mir nicht mehr aus dem Kopf, nachdem ich zum ersten Mal von ihm gelesen hatte, oder vielleicht muss man sogar sagen: nachdem ich ihm begegnet bin. Ich denke nicht oft an ihn, aber ich habe ihn auch nicht vergessen. Ein dünner Junge mit struppigem Haar (seinem Erfinder J.D. Salinger wohl ähnlich), der als ältestes von sieben Wunderkindern auf der Upper West Side aufwuchs. Dass er seinen Geschwistern zum Einschlafen vorlas, gehört zu Seymours zahlreichen netten Eigenschaften. Seine kleinste Schwester war da noch ein Baby, aber sie würde später behaupten, sich an die Gutenachtgeschichten zu erinnern. Das klingt unglaublich, aber es beschreibt die hypnotische Energie, mit der die Erzählungen von Salinger in die tieferen Bewusstseinsschichten ihrer Leser einsickern. Dort blieben sie dann. Zerbrechliche Wunderkinder, kindliche Mystiker, die den Tod nicht fürchten und für ihre kleinen Schwestern sterben würden. So präsent sind sie in den Köpfen ihrer Leser, dass es vorkommt, dass zwei Salinger-Fans durch eine Stadt laufen und gleichzeitig finden, dass der Junge da drüben aussieht wie Seymour.

Neben dem Fänger im Roggen ist Seymour Glass die Figur, die Salinger am obsessivsten beschrieben hat und in verschiedenen Geschichten auftauchen lässt: wie er mit 12 dem unschuldigen Wunsch nachgab, einem kleinen Mädchen einen Stein an den Kopf zu werfen, "weil sie so schön ausgesehen hatte, wie sie da in der Mitte der Einfahrt saß"; dass er mit 16 studierte, mit 21 promovierte und außerdem 184 unveröffentlichte Gedichte geschrieben habe (behauptet sein Bruder in der Erzählung Seymour: An Introduction). Wie er schließlich mit 31, auf einer Autofahrt nach Florida, all seine Zärtlichkeit und Poesie in einen Kosenamen für seine Frau legte; er nannte sie "Miss intellektuelle Vagabundin vom Jahr 1948". Vier Seiten später legte er sich neben sie ins Bett und schoss sich eine Kugel in die Schläfe.

Er fehlt uns sehr. J.D. Salinger hat nur vier Bücher veröffentlicht, sie sind so schmal und unerwachsen wie seine Figuren, und ich hatte nicht geglaubt, dass es eine Fortsetzung geben könne. Bis ich ihre schönen Namen (Seymour, Buddy, Walker, Walter, Franny, Zooey und Boo Boo Glass) in eine Internet-Suchmaschine eingab. Man trifft dann auf Leute, die offenbar viel Zeit damit verbringen, sich über diese Figuren zu unterhalten. Folgt man den Botschaften, erfährt man, dass es doch eine Möglichkeit des Wiedersehens gibt: in den 22 Geschichten, die Salinger als junger Autor in amerikanischen Zeitungen veröffentlicht hat. Heute sind nur einige 30 Jahre alte Raubkopien der Complete Uncollected Short Stories of J.D. Salinger erhältlich, über das Internet-Antiquariat alibris.com, 107 geheftete Seiten, manche Exemplare "etwas sonnengebleicht", wie es in der Kurzbeschreibung heißt. Das niedrigste Angebot liegt bei 474 Dollar. Ob es das wert ist? Ob man von einem Wiedersehen mit den Glass-Kindern enttäuscht wäre?

Will Hochman, Englischprofessor an der Southern Connecticut State University, durfte die Geschichten vor einigen Jahren in der Firestone Library in Princeton einsehen und berichtete davon in einer E-Mail: "Man hat mir genehmigt, die unveröffentlichten Geschichten auf Band zu sprechen, und als ich in mein Diktafon las, allein in einem Raum mit Salingers Briefen und Geschichten, fiel es mir schwer, im Gleichgewicht zu bleiben."

Es klingt wie eine Salinger-Geschichte, doch vorige Woche, so endet die Mail des Professors, habe er seine kleinen Kassetten in einem Taxi in New York vergessen. Er habe nicht versucht, sie zu wiederzufinden. Er hätte sowieso, behauptet er, seine eigene Stimme beim Lesen dieser Geschichten nicht mehr hören können. Vielleicht hat er sich auch nur lange genug mit J.D. Salinger, dem Meister der Abwesenheit, beschäftigt. Vielleicht weiß er, dass es mit diesen Kassetten so ist wie mit vielen Dingen, die einem fehlen: Sie haben mehr Kraft aus der Ferne. Wir vermissen sie mehr als alles andere – mehr als alles andere vermissen wir sie.

Zurzeit werden mehrere Exemplare der Uncollected Stories bei www.alibris.com angeboten; einige der Unpublished Stories werden (vorher anmelden) in der Rare Books Collection der Firestone Library der Princeton-Universität aufbewahrt