Das Abendland wackelt. Der Horizont brennt. Ein 18-jähriger Chinese hat vor zwei Jahren den legendären Warschauer Chopin-Wettbewerb gewonnen, die Goldmedaille des ersten Preises, mit der die Juroren 15 Jahre lang gegeizt hatten. Yundi Li steht jetzt in einer Reihe mit Martha Argerich und Maurizio Pollini. Sind die Kandidaten des erlauchten Abendlands nicht mehr gut genug?

Oder ist Yundi Li nur besser?

Li, der vom Cover seiner CD (DGG 471 479) wie ein fernöstlicher Popstar guckt, ein junger Lord aus Chinas westlichster Metropole Shenzhen, steht natürlich unter Beweiszwang, wenn er den einmaligen Live-Nervenkitzel von Warschau in die strengen Prüfbedingungen der Konserve zu retten hat. Aber das Studio ist ihm kein Gegner, sondern ein freundlicher Ort, und er verlässt ihn erst, wenn die Musik von Frédéric Chopin alle Türen und Gemüter geöffnet hat.

Die 3. Sonate h-moll ist solch ein Passepartout zur Entdeckung der Welt. Die Durchführung im Kopfsatz, bei der minderbegabte Pianisten häufig im Vollnebel waten, macht Li zu einer drängenden und doch prismatisch gebrochenen Bündelung von Linien

man hört da wirklich jedes Detail und verliert doch den Prozess nie aus den Augen. Das hat Feuer und Struktur im gleichen Moment, wieder brennt der Horizont, aber er verschwimmt nicht. Das Pedal nutzt Li als Farbveredler - und nur im Notfall als Sauerstoffpumpe. Lis Brillanz kann es sich sogar leisten, das Scherzo der Sonate glasklar, wie eine lächelnde Etüde, perlen zu lassen, aber er liefert die Musik nicht stur ab, sondern moduliert sie, sein Rubato ist konzentriert und sparsam, es möbliert Chopins Räume sozusagen mit Porzellan, nicht mit Teppichen oder gar Ölschinken. Im Finale beginnt Li vorsichtig, um später Chopins tastenwilde Großartigkeit als gehärtete Romantik leuchten zu lassen.

Und irgendwann merkt auch der letzte Skeptiker, dass Yundi Li klug und ökonomisch aus jenem Born der Tradition schöpft, welcher für die vermeintlichen Robotniks des Klaviers aus Fernost lange zu tief schien. Nein, Li ist längst einer von uns, einer, der sich in Andante spianato & Grande Polonaise eine wunderbar reife Langsamkeit erlaubt oder im stillen Kosmos des berühmten Es-Dur-Nocturne eine scheu erwärmte Poesie entwickelt, als habe ihm mindestens Rubinstein im Studio souffliert.

An solche Sicherheit im Geschmacklichen war nicht zu denken, als Li vor 16 Jahren zu seinem ersten Instrument griff, einem Akkordeon. Später gab die Mutter für ihren Sohn den Job auf und sah zu, dass er die richtigen Tasten drückte. Jetzt ist Yundi Li daheim tatsächlich berühmt wie ein Popstar. Für uns ist diese Chopin-CD ein Erkenntnisgewinn, ein Glücksfall.