Als er noch Musikkritiker bei der ZEIT war, begeisterte Thomas Mießgang seine Kollegen einmal mit der Geschichte, wie er der vielen Neuerscheinungen Herr zu werden versuchte. Er habe zu Hause in zwei Zimmern eine Anlage stehen und würde, nachdem er auf jeder eine CD eingelegt habe, einfach zwischen den beiden Räumen hin- und hergehen. So könne er zwei Alben in der halben Zeit hören!

Diese Anekdote fällt einem bei der Lektüre von Mießgangs neuem Buch wieder ein. Denn man hat das Gefühl, zwei Bücher auf einmal zu lesen, so rasant wird das Feld zwischen U und E durchpflügt. Die Namen von Komponisten und Musikern prasseln nur so von den Seiten, und selbst ein halbwegs Kundiger kommt aus dem Staunen nicht heraus, wen und was er alles noch nie gehört hat.

In zehn Gesprächen und sieben Essays untersucht der Kritiker die musikalischen Entwicklungen der jüngsten Zeit. Vor allem bewegt er sich zwischen der Neuen Musik, dem Jazz, dem Post-Rock und dem DJing. Anschließend an einen Gesprächsband, den er vor einem Jahrzehnt im Wolke-Verlag veröffentlicht hatte, nannte er das neue Werk Semantics II, und es hat ähnliche Klasse. Allein die neuere elektronische Musik kommt reichlich kurz.

In einem historischen Exkurs zeichnet Mießgang nach, wie die europäische Klassik "mit der Krise der Funktionsharmonik im späten 19. Jahrhundert von einer lustvollen Produktivkraft zu einer Klischeevermeidungsinstanz" wurde und zitiert genüsslich Arnold Schönberg, der noch 1920 ausgerechnet mit der spröden Zwölftonmusik "der deutschen Musik die Vorherrschaft für die nächsten hundert Jahre" sichern wollte. Aus der alles überwölbenden Tonlehre ist nichts geworden

letzthin herrscht ein fröhliches Durcheinander der unterschiedlichsten musikalischen Ansätze, und Virtuosen alten Schlages konkurrieren mit computergerechten Musikdateien um die Aufmerksamkeit des Publikums.

Schönberg hat's aus dem Elfenbeinturm auf die Tanzfläche (noch) nicht geschafft

heute zucken die Leiber im Takt der Stroboskope. Mießgang merkt als "seltsamen Widerspruch" innerhalb der Popkultur an, "dass das zentrale Versprechen - der Lebensüberschwang, das Mehr, der Surplus - ausgerechnet durch die Ästhetik der Wiederholung angestrebt werden soll".