Jeder kennt das: Man macht etwas Gleichförmiges, Wandern zum Beispiel, da erinnert sich das unterbeschäftigte Gehirn an eine vergessene Melodie und beginnt, sie in einem fort zu wiederholen. Wie ein Plattenspieler, der festhakt. An diesem Morgen, als wir durch den Wald bei Sankt Bartholomä stapfen, durchs schöne Berchtesgadener Land, in Richtung Watzmann-Ostwand, verfolgt mich die Liedzeile: "Sein letzter Spruch – und grüßt mir meine Frau." ©

Eigentlich stimmt aber alles. Die Sonne blitzt durchs Blätterdach, der Himmel strahlt blau, wir fühlen uns fit, und vor mir marschiert Heinz Zembsch, der legendäre Bergführer. Mit 14 riss er von zu Hause aus, um den Watzmann zu besteigen, dann wurde er Maschinenschlosser, später Bergführer. Heute, mit 59, ist er als "Hausmeister der Ostwand" unter Bergsteigern in ganz Deutschland bekannt.

Eben sind wir an der Gedenktafel für Franz Rasp vorbeigegangen, auch ein berühmter Bergführer, den es 1988 erwischte, bei seiner 295. Führung. Bis heute weiß niemand, warum. 97 Pechvögel sind in der Ostwand gestorben. 1890 rutschte der erste Bergsteiger aus und stürzte zu Tode, 1922 erfroren fünf, 1946 wurden drei vom Blitz erschlagen, 1961 fegte eine Lawine drei Kletterer ins Tal.

Doch jeder Tote mehrt nur die Legende, jeder Absturz steigert den Wert der Ostwand im alpinen Erlebnisraum, macht sie zu einem bedrohlicheren und begehrteren Gegner, den noch die Halbschuhtouristen von Sankt Bartholomä aus ehrfürchtig bestaunen. Unübersichtlich, brüchig, kaputt vom Steinschlag ist der Fels, aber recht einfach zu durchklettern. Darum versuchen sich auch viele Anfänger an der Ostwand, deshalb steigt die Zahl der Gedenkplaketten am Fels. Und damit dessen Anziehungskraft auf Alpinisten.

"Du gehst durch die Hölle, nichts passiert. Dann erwischt es dich in leichtem Gelände"

Wir treten aus dem Wald. Schräg rechts breitet sich, eingebettet in eine Halde aus Schutt, ein schmutziges Gletscherfeld aus. An seinem Beginn erkennt man eine Höhle, die Eiskapelle, in der das ganze Jahr lang Winter herrscht. Weiter hinten, wo Schnee und Fels zusammentreffen, starten die schweren Touren. Wir aber wenden uns nach links und steigen auf Graspfaden und knirschenden Schotterhängen aufwärts, zum Berchtesgadener Weg, der leichtesten Route. Allmählich weicht das Grün einer hellen Steinwüste, und endlich, nach zwei Stunden, wird der Weg so steil, dass die Kletterei beginnt. Rau fühlt sich der Fels an, kühl und griffig. Eine Wolke hat sich über uns in der Wand verfangen.

Den nächsten Tritt prüfen, die Gummisohle an den Fels pressen, Reibung erzeugen und sich hochstemmen; den Oberkörper aufrichten, solide Griffe für die Hände wählen und wieder von vorn beginnen. Einmal, noch einmal, stundenlang. Hellwach, selbstvergessen und in stetem Rhythmus. Immer dem Zembsch hinterher, unter dessen bunter Stretchhose sich imposante Wadenmuskeln spannen. Tiefer und tiefer dringen wir ein in das steile Durcheinander aus Kaminen und Schluchten, Felsbändern und Schuttkegeln. Es wäre schwer, sich hier allein zurechtzufinden.

Über dem Steinernen Meer, dem Bergmassiv im Süden, sind dunkle Regenwolken aufgezogen, doch Zembsch klettert unbeirrt weiter. Als eine glatte Platte den Weg versperrt, bindet er uns ins Seil, steigt voraus, sichert. Von da an kraxeln wir "im Schlappseil" weiter, hintereinander geknotet, aber nicht durch Haken oder Nylonschlaufen mit dem Fels verbunden. Rutschte einer aus, würden alle fallen, darauf hoffend, dass irgendwo das Seil an einem Felsbrocken hängen bliebe.