Die letzte Abfahrt ließe sich vermeiden. Schluss machen nach der vorletzten, so einfach ginge das! Unsentimentales Abschnallen statt ein finales Mal am Lift anstehen und fühlen, wie die Wehmut sich um den Nabel verdichtet, zack, zack! den Schnee abklopfen und keinesfalls warten, wie die wehe Bangigkeit sin Richtung Herz hochsteigt, ab in die Kneipe, jetzt und sofort, Pflümli ordern, mit anderen Worten: kneifen.

Tut man nicht. Wie ein Schaf rückt man mit der Schlange vor in Richtung Abschied, weichäugig betrachtet man den Liftboy und fragt sich, wie der es fände, wenn wir ihm ein "Bis nächstes Jahr dann!" zurufen würden – albern vermutlich. Vor einem hampeln die Kinder, man müsste sie ermahnen, aber da ist diese Mattigkeit, sollen sie doch, bis nächstes Jahr sind alle Mahnungen vergessen. Im nächsten Jahr wird eh alles anders sein, vor allem die Kinder. Das wissen die natürlich nicht, man neidet es ihnen. Hüpfen wie einbeinige Kängurus um den Bügel herum, die beiden, bis die Snowboards in der Spur liegen, quittieren den Anfahrruck mit Kreischen, legen die Arme fest umeinander wie ein Liebespaar, natürlich nur, um nicht aus dem Lift zu fallen, stecken die Köpfe zusammen und gackern über ihr altes Muttertier. Ob der Große noch mal mitfährt nächstes Jahr?

Dann ist man oben und atmet durch. Unten liegt jetzt alles im Schatten. Aber hier flutet die Sonne noch über große Felder steif geschlagener Sahne. Das Licht ist so sanft, man könnte die Brille abnehmen. Nie waren die Gipfel klarer und näher, nie schienen die riesigen Steilwände ungerührter von unserer Existenz. Ein Menschenleben, zwei Wöchlein Urlaub, ha! Vorbeigehuscht und weg.

Da drüben lag vor zwei Wochen noch der Schnee, bis unter die Felsennase hochgezogen, jetzt sieht man das erste struppige Gras. Die schwarze Abfahrt ist nur noch was für Steineschleifer. Aber weil die Mittagsglut alles mulchig weich gekocht hat, zieht jetzt die Piste an, und abwärts geht’s, so schnell wie nie. Die Buckelpiste, KanteKanteKante! und weiter. Jetzt das sanfte Stück, wo alle Schwünge immer klappen, fast so, als sei man Profi. Die Furt, wo die Kleinen sonst warten, die Schussstrecke, wo man sie unweigerlich aus den Augen verliert. Der letzte Hang, man ist allein. So langsam fuhr man nie, und: vorbei!

Dahinten stapfen schon die anderen, der Hütte entgegen. Sieh an: Am Lift steht niemand mehr. Man könnte sogar, jetzt gleich, ganz schnell, merkt doch keiner, noch einmal hochfahren. Ein allerletztes Mal!