Als ich fünf Jahre alt war, fiel ich in einen halb zugefrorenen Bach. Es war der Tag, an dem ich beschlossen hatte, die Metamorphose vom Sportler zum Künstler, den evolutionären Sprung von der Pistensau zum Skiakrobaten zu vollziehen. Das war mir damals natürlich nicht bewusst. Ich wollte weg vom abgesteckten Hang, in die freien Gefilde wahrer Formvollendung, die kannte ich nämlich aus dem Zirkus: wenn der Artist sich in beachtlicher Höhe rückwärts von einer Leiter fallen ließ und dabei einen Salto mortale vollführte. "Lawinensturz" nannte sich das. Also sauste ich mit dem Mut des Unwissenden – ahnend, dass der echte Künstler es wagen muss, mehr zu können, als er kann – über einen zur Schanze erklärten erzgebirgischen Schneebuckel, verfehlte die Landebahn, kriegte die Kurve nicht und fuhr durch knietiefen Schnee geradewegs ins kalte Wasser.

Die Skier, die damals aus gelbem Plastik bestanden und Pittitramper hießen, nahmen keinen Schaden, ich aber lernte abends am Ofen, dass selbst der Ungeschickte als Gewinner durchgeht, wenn er nur spektakulär genug scheitert. Seitdem suche ich, wenigstens im Winterurlaub, das Abenteuer. Wie alle anderen Heroen habe ich mich zunächst auf der roten Piste ausgelebt, wo bekanntlich die meisten Unfälle passieren, verursacht von Leuten, die halbwegs wedeln können, sich jedoch für Alberto Tomba halten. So fahren sie jedenfalls. Und wenn sie sich nicht das Genick brechen, dann wollen sie irgendwann in den Tiefschnee.

Auch mich lockten später die Reklamefotos endloser weißer Flächen, auf denen todesmutige Ästheten perfekte Schlangenmuster zeichnen. Ich hatte nur nicht bedacht, dass man fürs Tiefschneefahren wieder unwissend werden muss, sich zurücklehnen statt vorbeugen, sich fallen lassen statt hinunterfahren. Sonst fliegt man schon nach dem ersten Schwung aus der Spur, und spätestens beim dritten Sturz sind der Kragen, die Stiefelschäfte, die Jackentaschen so voll Schnee, wie es auf einer Piste nie möglich wäre. Die Skibrille nicht mehr benutzbar, die Mütze weg und die Skier auch, es sei denn, man hat Fangriemen, dann fliegen einem die Bretter beim Stürzen lediglich um die Ohren.

Meine Wut am ersten Tiefschneetag war unbeschreiblich. Immer wieder warf ich mich in den Kampf, noch ein Vierteljahr nachher konnte ich den Zorn in meinen Kniegelenken spüren, aber geklappt hat es erst, als ich bereits in nihilistischer Stimmung war und einfach ins Leere sprang, ohne zu planen, wo ich landen würde. Man muss es im Tiefschnee nämlich machen wie beim Salto mortale oder in der Liebe: erst ein wenig üben, aber dann einfach springen. Entweder löst man eine Lawine aus, oder man erreicht den vorübergehenden Zustand totaler Euphorie. Fast so ein irres Gefühl wie beim Sturz in einen eiskalten Bach.