Der Skifahrer, nachdem er die Seilbahn verlassen und sich gerüstet hat für die Abfahrt, gleicht einem Hauptdarsteller, der in die Arena tritt und sich anschickt, ein Drama aufzuführen, von dem noch nicht feststeht, ob es Tragödie oder Komödie wird. Auch wenn dieses Stück wahrscheinlich nur einen einzigen Zuschauer hat, nämlich ihn selber, so hängt doch der Erfolg der Aufführung nicht allein von seinem Können ab, sondern auch von der Dramaturgie der Piste. Es gibt nämlich Pisten, deren unorganische Abfolge von schweren und leichten Passagen all jenen, die nicht Meister sind, einen Rhythmus abverlangt, der quer zum Körpergefühl steht.

Ein extremer Fall ist die in den Dolomiten gelegene Langkofel-Scharte, die sich, obgleich landschaftlich von großer Schönheit, vor dem Auge des zitternden, durchfrorenen Helden als ein alles verschlingender Abgrund auftut. Zwischen hochragenden Wänden stürzt diese Piste senkrecht, so will es dem durchaus an seinem Leben hängenden Fahrer erscheinen, in die Tiefe, unterbrochen nur von einigen mit vorgespannten Netzen abgesicherten Felsbrocken, um dann ziemlich weit unten in ein breites, immer sanfter werdendes Feld auszulaufen, wo man die schönsten Schwünge platzieren könnte, wäre man nur erst dort. Ist man aber endlich ganz unten, mit Ach und Krach, und froh, dass es nur einen Zuschauer gab, dann, mit warmen Gliedern und erfüllt von der Freude des Überlebens, würde man es sich zutrauen, die Patzer des Starts, aus denen kein gnädiger Souffleur einen erlöste, durch wenige harte und beherzte Sprünge auszuwetzen. Aber: Aus und vorbei.

Das Gegenbeispiel ist der Engadiner Corvatsch, die schönste Piste überhaupt. Herausgetreten aus der Seilbahn, erblickt der Held ein unvergleichlich grandioses Panorama und unterhalb seiner Skispitzen die Piste seiner Träume, ein endloses, sanft sich neigendes, glattes Feld. Früher konnte man auf einer kleinen Spur direkt zwischen den Felsen hinabschießen, um sich dann, die Gletscher im Blick und gestärkt von dieser winzigen Mutprobe, auf dem weiten Hang allmählich warmzulaufen, bis der eigene Rhythmus stimmte. Danach nämlich wird die Abfahrt immer steiler, fordert immer mehr jede Aufmerksamkeit und Kraft, bis sie sich zu einer steilen Linkskurve verengt, in die man naturgemäß mit schärfstem Tempo hineingeht, weil man weiß: An ihrem Ende kommt, direkt unter einer Felswand, der jetzt benötigte kleine Gegenhang, wo man einen letzten Blick auf die gleich entschwindende Gletscher-Kulisse wirft und jenen Atem schöpft, den das letzte Stück verlangt.

Es beginnt wiederum ganz leicht, wird aber sehr rasch steil und steiler, führt zu einer lästigen Traverse, die nur der Anfänger benutzt, während sich unser Hauptdarsteller mit kurzen Schwüngen kühn in den Steilhang wirft, elegant das nunmehr beginnende Paradies des flachen, geradezu ballettösen Wedelns erreicht, weiter und weiter hinabrauscht, immer schöner, immer schneller, um mit einer letzten, jetzt schon von Ermattung bedrohten Schussfahrt samt scharfem Abschwung den kurzen Ankerlift zu erreichen, der ihn zur Mittelstation bringt. Er wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln und denkt: Wie schade, dass es nur einen Zuschauer gab.