Den letzten Funkspruch empfängt Grenzschutzoffizier Oleg H. kurz vor Mitternacht: Eine Patrouille flussabwärts hat zwei verdächtige Männer gesichtet. Am anderen Ufer, auf der afghanischen Seite. Die grauen Gestalten, kaum erkennbar im schwachen Mondschein, hasten auf einem Eselspfad den Hang hinauf, meldet die Patrouille. „Sie tragen einen Traktorreifen und ein aufgerolltes Seil bei sich.“ Schmugglerausrüstung, denkt Oleg H., der mit seinem Trupp nur drei Kilometer entfernt die Grenze überwacht. Offenbar haben die beiden Afghanen in dem Reifen soeben Drogen über den Grenzfluss transportiert. Auf der tadschikischen Seite nahmen wahrscheinlich Komplizen den Stoff entgegen. Weit können sie nicht sein.

Hauptmann Oleg, ein stämmiger, blonder Mann in olivgrüner Uniform, kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Die Luft auf 2500 Meter Höhe ist kalt, aber klar. Rechts und links ragen die grauen zerklüfteten Berge des Pamirs empor. In einem engen Tal tost der Pjanj-Gebirgsfluss, der die Territorien Afghanistans und der ehemals sowjetischen Republik Tadschikistan trennt. Riesige Felsbrocken liegen im Wasser. Hier ist die Grenze trockenen Fußes zu überqueren.

Vor acht Jahren wurde Oleg aus Moskau zu den russischen Grenztruppen in das seit 1992 unabhängige, vom Bürgerkrieg verheerte Tadschikistan eingezogen. Mehrere tausend Soldaten sollen die 1400 Kilometer lange Südgrenze des einstigen Sowjetreichs, nun GUS, gegen das afghanische Chaos abdichten. Gegen die Mudschaheddin, die Waffenschmuggler. Gegen die Drogen, gegen Opium und Heroin, die über Tadschikistan und Russland nach Westeuropa geschmuggelt werden. Schon lange hat Oleg die Nase voll vom Dienst. Das Leben in der schäbigen Kaserne nahe der Kleinstadt Khorog ist rau, der Sold gering. Der 34-Jährige will damoi, nach Hause. Seine Frau in Moskau hat er seit Monaten nicht gesehen.

Ein weißer Lada taucht auf der parallel zur Grenze verlaufenden Landstraße auf. Der Wagen kommt aus der Richtung, in der die mutmaßlichen Schmuggler erspäht wurden. Er rollt langsam auf Oleg und seine Kameraden zu. Oleg befiehlt seinen Männern, die Sturmgewehre zu entsichern. Er muss an den Tag vor sieben Jahren denken, als seine Patrouille auf dieser Straße in einen Hinterhalt afghanischer Heroinschmuggler geriet. Als die Magazine der Kalaschnikows leer geschossen waren, steckte eine Kugel in Olegs Oberschenkel. Seine acht Kameraden aber waren alle tot.

Der Lada hält an. Die grellen Scheinwerfer blenden die Grenzschützer. Vorsichtig nähern sie sich. „Aussteigen, mit Händen über dem Kopf!“, brüllt Oleg. Erst rührt sich nichts. Dann springt die Fahrertür auf. Ein Schuss fällt. Hunderte prasseln hinterher, minutenlang. Irgendwann Stille. Die Insassen des Lada, fünf junge Tadschiken, sind, von Kugeln durchsiebt, auf ihren Sitzen zusammengesackt. Tot.

Von einem „Fahndungserfolg“ sprechen die russischen Behörden tags darauf. Sie präsentieren mehrere Päckchen mit Heroin. Man habe sie bei den Toten gefunden. Alles gelogen, behaupten die Angehörigen der Toten in Khorog. Harmlose Ausflüger seien die Männer gewesen. Die russischen Grenzsoldaten hätten sie grundlos im Wodkarausch erschossen und ihnen das Heroin untergeschoben. Einige Bewohner von Khorog fordern die russischen Behörden auf, den Vorfall zu untersuchen – vergeblich. Die Toten werden verscharrt.

Drei Monate später. Es ist ein klarer Herbsttag, laute Kommandorufe hallen über den Hof der russischen Grenzschutzkaserne am Pjanj-Fluss. Zwanzig frisch aus Russland eingetroffene Rekruten müssen abwechselnd stramm stehen und sich blitzartig auf den Betonboden werfen. Auf Befehl eines Offiziers robben die Männer quer über den Hof. Sie robben an einem Denkmal vorbei. Dort ist das imperiale Gebiet der Sowjetunion in den Stein gemeißelt und rot ausgemalt: von Vilnius bis Wladiwostok. Als ob die unabhängigen Republiken wie Tadschikistan gar nicht existierten.

Durch das Fenster der Offiziersbaracke beobachtet Hauptmann Oleg H. das Geschehen. Mit unbewegtem Gesicht erzählt er seine Version des tödlichen Vorfalls im Sommer: „Die Männer waren bewaffnet, alle fünf. Das waren Verbrecher, die hatten es nicht anders verdient.“ Dabei streichelt er seinen Dobermann. Er heißt Deutscher. Der Hund ist sein engster Gefährte in der Kaserne. Den Namen erhielt er, weil Oleg als junger Mann in einer Einheit der Roten Armee bei Magdeburg gedient hat. Seitdem spricht er einige Brocken Deutsch. Gerne sagt er „tschüss“ zu dem Hund, wenn der sich setzen soll.