Den letzten Funkspruch empfängt Grenzschutzoffizier Oleg H. kurz vor Mitternacht: Eine Patrouille flussabwärts hat zwei verdächtige Männer gesichtet. Am anderen Ufer, auf der afghanischen Seite. Die grauen Gestalten, kaum erkennbar im schwachen Mondschein, hasten auf einem Eselspfad den Hang hinauf, meldet die Patrouille. „Sie tragen einen Traktorreifen und ein aufgerolltes Seil bei sich.“ Schmugglerausrüstung, denkt Oleg H., der mit seinem Trupp nur drei Kilometer entfernt die Grenze überwacht. Offenbar haben die beiden Afghanen in dem Reifen soeben Drogen über den Grenzfluss transportiert. Auf der tadschikischen Seite nahmen wahrscheinlich Komplizen den Stoff entgegen. Weit können sie nicht sein.

Hauptmann Oleg, ein stämmiger, blonder Mann in olivgrüner Uniform, kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Die Luft auf 2500 Meter Höhe ist kalt, aber klar. Rechts und links ragen die grauen zerklüfteten Berge des Pamirs empor. In einem engen Tal tost der Pjanj-Gebirgsfluss, der die Territorien Afghanistans und der ehemals sowjetischen Republik Tadschikistan trennt. Riesige Felsbrocken liegen im Wasser. Hier ist die Grenze trockenen Fußes zu überqueren.

Vor acht Jahren wurde Oleg aus Moskau zu den russischen Grenztruppen in das seit 1992 unabhängige, vom Bürgerkrieg verheerte Tadschikistan eingezogen. Mehrere tausend Soldaten sollen die 1400 Kilometer lange Südgrenze des einstigen Sowjetreichs, nun GUS, gegen das afghanische Chaos abdichten. Gegen die Mudschaheddin, die Waffenschmuggler. Gegen die Drogen, gegen Opium und Heroin, die über Tadschikistan und Russland nach Westeuropa geschmuggelt werden. Schon lange hat Oleg die Nase voll vom Dienst. Das Leben in der schäbigen Kaserne nahe der Kleinstadt Khorog ist rau, der Sold gering. Der 34-Jährige will damoi, nach Hause. Seine Frau in Moskau hat er seit Monaten nicht gesehen.

Ein weißer Lada taucht auf der parallel zur Grenze verlaufenden Landstraße auf. Der Wagen kommt aus der Richtung, in der die mutmaßlichen Schmuggler erspäht wurden. Er rollt langsam auf Oleg und seine Kameraden zu. Oleg befiehlt seinen Männern, die Sturmgewehre zu entsichern. Er muss an den Tag vor sieben Jahren denken, als seine Patrouille auf dieser Straße in einen Hinterhalt afghanischer Heroinschmuggler geriet. Als die Magazine der Kalaschnikows leer geschossen waren, steckte eine Kugel in Olegs Oberschenkel. Seine acht Kameraden aber waren alle tot.

Der Lada hält an. Die grellen Scheinwerfer blenden die Grenzschützer. Vorsichtig nähern sie sich. „Aussteigen, mit Händen über dem Kopf!“, brüllt Oleg. Erst rührt sich nichts. Dann springt die Fahrertür auf. Ein Schuss fällt. Hunderte prasseln hinterher, minutenlang. Irgendwann Stille. Die Insassen des Lada, fünf junge Tadschiken, sind, von Kugeln durchsiebt, auf ihren Sitzen zusammengesackt. Tot.

Von einem „Fahndungserfolg“ sprechen die russischen Behörden tags darauf. Sie präsentieren mehrere Päckchen mit Heroin. Man habe sie bei den Toten gefunden. Alles gelogen, behaupten die Angehörigen der Toten in Khorog. Harmlose Ausflüger seien die Männer gewesen. Die russischen Grenzsoldaten hätten sie grundlos im Wodkarausch erschossen und ihnen das Heroin untergeschoben. Einige Bewohner von Khorog fordern die russischen Behörden auf, den Vorfall zu untersuchen – vergeblich. Die Toten werden verscharrt.

Drei Monate später. Es ist ein klarer Herbsttag, laute Kommandorufe hallen über den Hof der russischen Grenzschutzkaserne am Pjanj-Fluss. Zwanzig frisch aus Russland eingetroffene Rekruten müssen abwechselnd stramm stehen und sich blitzartig auf den Betonboden werfen. Auf Befehl eines Offiziers robben die Männer quer über den Hof. Sie robben an einem Denkmal vorbei. Dort ist das imperiale Gebiet der Sowjetunion in den Stein gemeißelt und rot ausgemalt: von Vilnius bis Wladiwostok. Als ob die unabhängigen Republiken wie Tadschikistan gar nicht existierten.

Durch das Fenster der Offiziersbaracke beobachtet Hauptmann Oleg H. das Geschehen. Mit unbewegtem Gesicht erzählt er seine Version des tödlichen Vorfalls im Sommer: „Die Männer waren bewaffnet, alle fünf. Das waren Verbrecher, die hatten es nicht anders verdient.“ Dabei streichelt er seinen Dobermann. Er heißt Deutscher. Der Hund ist sein engster Gefährte in der Kaserne. Den Namen erhielt er, weil Oleg als junger Mann in einer Einheit der Roten Armee bei Magdeburg gedient hat. Seitdem spricht er einige Brocken Deutsch. Gerne sagt er „tschüss“ zu dem Hund, wenn der sich setzen soll.

„Diese Grenze ist kein Kinderspiel“, fährt Oleg fort. „In so einer Situation schießen wir, um zu töten. So ist das.“ Tatsächlich scheinen die russischen Grenzsoldaten nie lange zu fackeln. Nach Angaben des Ministeriums in Moskau wurden von 55 illegalen Grenzgängern in diesem Jahr 30 getötet. Verluste der Russen: ein Mann.

Gerüchte, korrupte russische Offiziere steckten mit afghanischen Drogenschmugglern unter einer Decke, lassen Oleg kalt. Er zündet sich eine Zigarette an, bläst den Qualm aus und sagt: „Natürlich kann man nicht verhindern, dass sich der eine oder andere Soldat ein paar Gramm in die Taschen steckt. Aber bei Offizieren, da passt das KGB auf.“

Schwerfällig erhebt er sich, marschiert zum Kasernenhof hinaus. Er steigt auf einen Wachturm am Rande der Kaserne. Ein Soldat hinter einem Maschinengewehr späht auf das enge Flusstal. Dieses Jahr sind afghanische Drogenschmuggler besonders aktiv. Bereits bis Ende Juni beschlagnahmten die russischen Grenzsoldaten, sagen sie, 1500 Kilogramm Heroin. Im gesamten Jahr 2001 waren es nur 1200 Kilogramm. Oleg stiert hinüber zur afghanischen Seite, wo ein Mann mit einem Turban seinen Esel einen Geröllpfad entlangtreibt, und sagt: „Die müssen gut geerntet haben da drüben.“

Rauschgift für die Ungläubigen, das galt als gottgefällig

Aus keinem Land der Welt werden mehr Drogen geschmuggelt als aus Afghanistan. Achtzig Prozent allen Heroins in Deutschland kommen aus dem Land am Hindukusch. Weltweit werden 25 Milliarden Dollar mit afghanischen Drogen umgesetzt. Kürzlich veröffentlichten die UN neue dramatische Zahlen: Seit dem militärischen Feldzug der USA gegen das Terrornetzwerk al-Qaida und dem Sturz des Taliban-Regimes ist die Produktion von Opium in Afghanistan um fast das Zwanzigfache gestiegen.

„Etwa 3400 Tonnen Opium wurden in diesem Jahr geerntet, im vergangenen Jahr waren es nur 185 Tonnen“, berichtet Bernard Frahi vom Drogenkontroll-Programm der Vereinten Nationen (UNDCP). Von seinem kleinen Büro in Kabul aus schickte der Franzose im Sommer Dutzende Späher-Teams in die entlegenen Provinzen Afghanistans. Sie sollten in über 900 Dörfern Mohnfelder zählen und abmessen.

Sie kehrten mit alarmierenden Ergebnissen zurück, die später mit Satellitenbildern bestätigt wurden: Obwohl die Regierung von Präsident Hamid Karsai die Opiumproduktion unter schwere Gefängnisstrafe gestellt hat, ist die Anbaufläche für Mohn von 8000 Hektar im Jahre 2001 auf 74000 Hektar in diesem Jahr angestiegen. Für Frahi liegen die Gründe klar auf der Hand: „Im Chaos, das nach dem Krieg ausbrach, können die Bauern wieder ungestört Mohn anpflanzen, und die Drogenmafia kann ungestört ihre Geschäfte machen.“ Unter den Taliban herrschte ein striktes Verbot von Mohnanbau. Ihr Anführer Mullah Omar hatte es freilich erst im Juli 2000 verhängt. Aber danach wurden Mohnbauern hart bestraft, ihre Felder abgebrannt. Zuvor war die Opiumproduktion stetig angestiegen, auf eine Rekordernte von 4600 Tonnen im Jahr 1999. Die radikalislamischen Taliban sagten damals, es sei Muslimen verboten, Drogen zu gebrauchen, selbst das traditionelle Haschisch. Rauschgift für die Ungläubigen zu produzieren galt hingegen als gottgefällig.

Als sie das Opiumverbot im Juli 2000 erließen, gaben die Taliban dem Druck der UN nach. „Wir machten Mullah Omar klar, dass nur strikte Maßnahmen seine Regierung der diplomatischen Anerkennung im Westen näher bringen würden“, sagt Frahi. Allerdings, räumt der UN-Beamte ein, habe wohl auch geschäftliches Kalkül eine Rolle gespielt. Die Taliban wollten das Angebot verknappen, um die Preise für ihre immensen Drogenvorräte nach oben zu treiben. Mit Erfolg: Bis zum Vorabend des 11. Septembers 2001 kletterte der Preis für ein Kilo Opium von 30 Dollar auf 700 Dollar. Während des amerikanischen Bombardements verkauften viele Händler ihre Reserven, der Preis fiel wieder. Aber nicht lange. Kopfschüttelnd sagt Frahi: „In dem Machtvakuum seit dem Ende der Taliban gedeiht das Geschäft wie nie zuvor. Kaum ein Bauer kann der Versuchung widerstehen, Mohn anzubauen.“

Auch Kamil By nicht. Kurz blickt er zu den bärtigen Dorfältesten, Bauern wie er, die auf Teppichen um ihn herum sitzen. Als sie nicken, kramt er einen braunen harzigen Klumpen hervor: frisch geerntetes und getrocknetes Opium. Langsam zerreibt der hagere Mann einzelne Krümel in seiner Handfläche. Das Opium bleibt in den tiefen Schwielen hängen, wie dunkles Geäst sehen sie dadurch aus. „Beste Ware – die Händler vom Basar reißen sich darum, 350 Dollar für das Kilo“, flüstert der 65-Jährige. Ein Hektar Mohn ergibt einen Zentner Opium, macht 15000 Dollar. Es ist eine schwindelerregende Summe für jeden Afghanen. „Die Ernte war sehr gut. Schon jetzt zahlen uns die Händler Vorschüsse für das nächste Jahr“, erzählt Kamil By. Dabei verzieht er sein sonnengegerbtes Gesicht zu einem trotzigen Lächeln.

Sein Dorf Bymalacy liegt nahe Faizabad in Badachschan, der kaum zugänglichen Bergprovinz im Nordosten Afghanistans. Es ist mit 8000 Hektar Mohnfeldern nach den südlichen Paschtunen-Provinzen Helmand und Nangahar das drittgrößte Opiumanbaugebiet Afghanistans. Drei Tage dauert die beschwerliche Fahrt mit dem Jeep von Kabul hierher, über Geröllpisten, Sandwege und Flussbetten. Karsai nennen die Badachis verächtlich „Bürgermeister von Kabul“ – die Hauptstadt hat hier nichts zu sagen. Das war auch früher so. Im Schatten der zerklüfteten braunen Karstberge verstecken sich vereinzelte Dörfer. Alle zwei Stunden kommen einem Geländewagen entgegen, fast ausnahmslos sind es die Toyota Land Cruiser lokaler Milizkommandeure. Auf den Ladeflächen sitzen junge Kämpfer, die Turbane tief ins Gesicht gezogen.

In der Dürre wächst weder Weizen noch Mais – nur Mohn

In Faizabad, der am Ufer eines brausenden Flusses gelegenen größten Stadt der Provinz, leben 15000 Menschen. Auf der schlammigen Hauptstraße bahnen sich alte russische Jeeps ihren Weg durch das Chaos aus Pferdekarren und Packeseln. Die Frauen auf dem Basar tragen ausnahmslos Burkas. Auch in diesem Teil des Landes, der nie unter der Herrschaft der Taliban stand, ist die Macht der Mullahs und Mudschaheddin ungebrochen. „Sie sind einen weiten Weg zu uns gekommen.“ Said Amin Tareq, seit neun Jahren mächtiger Gouverneur von Badachschan, freut sich nicht sonderlich über den Besuch eines ausländischen Reporters. „Aber Sie werden bei uns keine Mohnfelder finden, höchstens hie und da tief in den Bergen.“

Das Dorf des Bauern Kamil By liegt allerdings keine zehn Kilometer von der prächtigen Residenz des Gouverneurs entfernt, direkt an der Straße nach Kabul. Im Sommer müssen die knallroten Mohnfelder jedem Vorbeifahrenden ins Auge gesprungen sein. Vier Jahre Dürre ließen die Erde vertrocknen, ganze Landstriche sind verödet. Auf unbewässertem Boden wächst weder Weizen noch Mais – nur noch der anspruchslose Mohn. Schon seit Menschengedenken wird die Pflanze für medizinische Zwecke angebaut. In einer gut gekochten Suppe wirkt der Stiel antibiotisch. Badachschan ist vom afghanischen Bürgerkrieg weitgehend verschont geblieben. Die widerständigen Warlords unter Achmed Schah Massud verteidigten die Provinz erfolgreich gegen die Taliban. Ihre Kriegskassen füllten beide Seiten mit Drogenhandel.

Das taten sie schon in den achtziger Jahren, als die afghanischen Mudschaheddin den Dschihad gegen die Rote Armee führten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die amerikanische CIA seinerzeit den Anbau von Opium und seine Weiterverarbeitung zu Heroin in Hinterhoflabors förderte, damit russische Truppen – wie zehn Jahre zuvor viele GIs in Vietnam – dem Stoff verfallen. Die Rechnung ging auf, Tausende Soldaten wurden süchtig. Zugleich brachten es viele Anführer der Gotteskrieger durch Drogen zu Reichtum – die Esel, auf denen die Sturmgewehre und Stinger-Raketen der CIA von Pakistan aus ins Land geschmuggelt wurden, kehrten selten unbeladen zurück. So überholte Afghanistan bald das „goldene Dreieck“ in Südostasien als größter Heroinexporteur der Welt.

Aus der Sicht Washingtons war dies ein notwendiges Übel für den Sieg im Kalten Krieg. Die Taliban, die das Land auf ihrem Siegeszug Mitte der neunziger Jahre zunächst befriedeten, trieben die Opiumproduktion weiter hoch. Ihre Gegner in der Nordallianz, die nach dem 11. September 2001 vom Westen als Freiheitskämpfer gefeiert wurden, standen ihnen in krimineller Energie um nichts nach. Gerade Badachschan, Hochburg des ehemaligen afghanischen Präsidenten und politischen Nordallianz-Führers Burhanuddin Rabbani, verkam zu einer einzigen Opiumplantage.

„Obwohl der Krieg vorbei ist, müssen wir immer noch ein Zehntel unserer Opiumeinkünfte an die Warlords abgeben“, klagt der Bauer Kamil By. Ein Zehntel, so viel beträgt der „Ushr“, den nach dem Koran jeder Muslim an die Gemeinschaft entrichten muss. Einige der Männer in der Runde blicken nervös um sich. Zögernd berichten sie von einem Bauern aus dem Nachbardorf, der sich geweigert hatte, dem dortigen Kommandeur Geld zu geben. „Noch am selben Tag nahmen sich dessen Leibwächter den Bauern vor, mehrere Stunden lang…“

Auch wenn ein Opiumbauer ganz mit dem Mohnanbau aufhören will, gibt es Ärger mit den Warlords. Morddrohungen seien normal, berichten die Bewohner von Bymalacy. Schließlich müssten ja auch die Kommandeure den Ushr an ihre Chefs entrichten. Düsteres Schweigen bei den Bauern, dann bricht es aus Kamil By heraus: „Im Westen regt man sich über das Opium auf, das wir produzieren. Und woher kommen die Waffen, mit denen die Warlords uns hier unterdrücken?“

Hamdullah Daneschie einen Warlord zu nennen wäre wohl unzutreffend. Er kommandiert keine Guerilla, er trägt noch nicht einmal einen Turban. Und doch gehört der untersetzte Mann mit dem schwarzen Vollbart zu den Bossen von Badachschan. Daneschie ist Polizeichef der gesamten Provinz. 4000 Gesetzeshüter hören auf sein Kommando. In Badachschan, wo es kein Gesetz zu hüten gibt, bedeutet das enorme Macht. Und geringe Bereitschaft, in seinem Hauptquartier in Faizabad auf unangenehme Fragen zu antworten.

Der Polizeichef prahlt: Wir haben die Mafia im Griff

„Dummes Zeug, Propaganda, Lügen! Niemand kassiert den Ushr von Mohnbauern“, behauptet Daneschie mit energischer Stimme. „Der Koran sagt ganz klar, dass Opium haram ist, verboten. Kein Kommandeur in Badachschan würde sich daran bereichern.“ Wenn Opiumproduktion verboten sei, was unternehme er denn dagegen? Ohne zu überlegen, antwortet der Polizeichef: „Nichts.“ Man habe das Volk lediglich informiert, dass die Regierung in Kabul den Mohnanbau untersagt hat. Ob die Bauern dem Erlass Folge leisten, überlasse die Polizei ihnen selbst. Lakonische Erklärung: „Gesetze müssen den Menschen dienen, nicht umgekehrt. Ich werde keine Mohnfelder abbrennen lassen und die Bauern in den Hungertod treiben.“ Daneschie stammt aus einem Dorf im Distrikt Jurm, zwei Jeepstunden von Faizabad entfernt, das als Hauptanbaugebiet für Opium gilt. Er kennt die Sorgen der Menschen dort. „Während der Dürre haben sie Baumrinde essen müssen. Und zugleich ihre besten Söhne dem Dschihad geopfert. Da werden wir sie jetzt nicht im Stich lassen.“ Den Einwand, dass am Drogenanbau nicht in erster Linie die Bauern verdienen, sondern Schmuggler und Händler, wischt der Polizeichef in der feldgrauen Uniform beiseite. „Gegen den Schmuggel haben wir Checkpoints an der Straße errichtet. Die Mafia ist machtlos gegen uns.“

Daneschies nominelle Dienstherren in Kabul demonstrieren Zuversicht. „Wir haben große Errungenschaften im Kampf gegen Drogen erzielt: Ein Viertel aller Mohnfelder wurde dieses Jahr zerstört“, prahlt Mohammed Younus Qanuni. Lange war der vornehm auftretende Jurist Innenminister der Nordallianz und, nach dem Ende der Taliban, auch der Interimsregierung Karsais. Der 42-Jährige gehört zum engsten Zirkel des Tadschiken-Clans aus dem Pandschir-Tal, der im Zuge des US-Bombardements die politische Macht in Kabul an sich gerissen hat.

Offiziell musste Qanuni im Juni auf der Loya Jirga, der Großen Ratsversammlung, aus Gründen ethnischer Parität das Innenministerium an einen 80-jährigen Paschtunen abtreten. Seither leitet er das Bildungsressort. Hinter den Kulissen kontrolliert er jedoch weiterhin die Polizeikräfte des Landes, auch das Rauschgiftdezernat. Die alarmierenden Opiumstatistiken der UN lassen den sich westlich gebenden Politiker ungerührt: „Die Drogen sind ein Erbe der Taliban. Sie sind zuerst ein internationales Problem. Schließlich liegt der Hauptmarkt im Westen. Ohne ihn hätten wir kein Drogenproblem.“ Interpol müsse härter gegen die ausländische Drogenmafia vorgehen, schlägt Qanuni vor. Die Regierungen der Nachbarstaaten sollten einen Sicherheitsgürtel um Afghanistan bilden und ihre Grenzen stärker schützen. „Einer unserer Nachbarn hilft der Drogenmafia ja nach Kräften, um unser Land zu destabilisieren“, fügt er mit einem Seitenhieb auf Pakistan hinzu. Den schwersten Schuldzuweis spart sich Qanuni für die Schutzmacht USA auf. „Die Amerikaner müssen endlich aufhören, die Warlords zu unterstützen, die in den Drogenhandel verwickelt sind. Sie müssen entwaffnet werden, bevor es zu spät ist.“

Wer plaudert, ist bald ein toter Mann

Hinter vorgehaltener Hand verurteilt ein hoher UN-Funktionär in Kabul die amerikanische Strategie, mit einheimischen, zwielichtigen Verbündeten gegen versprengte Reste von Taliban und al-Qaida zu kämpfen. Sie untergrabe die Bemühungen der UN, ein friedliches und stabiles Afghanistan aufzubauen. „Die USA zersplittern das Land immer weiter, indem sie unappetitliche Warlords in den Provinzen aufrüsten. Diese wiederum verschaffen Drogenschmugglern sichere Arbeitsbedingungen“, sagt er.

Auch unter europäischen Diplomaten in Kabul wächst das Entsetzen über die unseligen Allianzen Washingtons. „Der militärische Feldzug gegen die Taliban hat zum Anstieg des Drogenhandels beigetragen. Wir sagen den Amerikanern, dass sie ein riesiges Problem schaffen und ihre Politik überdenken müssen“, sagt der britische Gesandte John Wilks. „In der Frage tut sich eine Kluft zwischen den USA und Europa auf.“ Die britische Regierung führt internationale Bestrebungen an, den afghanischen Drogenschmuggel zu bekämpfen. Fachleute aus dem Westen entwickeln geheime Programme: Man will Mohnfelder vernichten, die afghanischen Bauern mit alternativem Saatgut versorgen und Polizei und Grenzschutz besser ausbilden. Kürzlich verkündete Premierminister Tony Blair das ehrgeizige Ziel, in zehn Jahren sämtliche Drogen in Afghanistan beseitigen zu wollen. Diplomat Wilks erläutert, weshalb: „Das Heroin landet in Europa und ist damit für uns ein dringlicheres Problem als für die USA.“

Hauptstützpunkt der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten ist die Airbase Bagram 40 Kilometer nördlich von Kabul. Tag und Nacht landen hier C17-Transportflugzeuge mit Nachschub. Chinook-Hubschrauber bringen US-Truppen in die entlegenen Einsatzgebiete. Mehr als 3500 Soldaten und Spezialtruppen sind in Bagram stationiert. Colonel Roger King, Sprecher der US-Truppen in Afghanistan, definiert ihre Aufgabe ohne Umschweife: „Wir suchen nach Terroristen, nicht nach Drogen oder Drogenschmugglern.“ Der Armeeoberst, ein groß gewachsener Texaner mit stahlblauen Augen, blickt hinüber zur Landebahn, wo gerade zwei Apache-Kampfhelikopter abheben und in den Sandsturm hineinfliegen, der seit Tagen über der Shomali-Ebene wütet. Dann fährt King fort: „In diesem Krieg gibt es mehrere Stufen des Bösen: Drogenhändler sind böse, aber die Taliban sind richtig böse. Nur wenn die Drogenhändler auch Taliban sind oder terroristische Aktivitäten planen, greifen wir ein.“

Ohne mit der Wimper zu zucken, bestätigt King, dass auch afghanische US-Verbündete ins Drogengeschäft verwickelt sind. „Davon gibt es viele, aber der Drogenhandel ist für uns ein separates Thema.“ Außerdem seien die Warlords von der CIA rekrutiert worden. Und die CIA spreche ihr Vorgehen nicht mit den Streitkräften ab. Die Army habe keinen Einfluss auf die Geheimdienstler. Gleichwohl versuche sie, besonders wichtige Verbündete zu überzeugen, illegale Geschäfte aufzugeben: „Wir setzen uns mit ihnen zusammen, trinken grünen Tee und zeigen ihnen andere Wege, Geld zu verdienen.“ Welche? „Wir bezahlen sie“, sagt King, ohne Anflug von Ironie.

Doch selbst wenn sich die Regierung in Kabul gegen die regionalen Warlords durchsetzen sollte, sind Erfolge an der Drogenfront keineswegs sicher. Die Korruption befällt alle staatlichen Institutionen, auch die Polizei. „Sehr viele meiner Kollegen sind korrupt und arbeiten mit der Drogenmafia zusammen“, glaubt Abdul M., ein Drogenfahnder des Innenministeriums. „Alle Behauptungen der Regierung, Mohnfelder zerstört zu haben, sind reine Propaganda.“ Erst nach langem Überlegen hat sich der unauffällige, schmächtige Mann entschieden, über seine Erfahrungen im zentralen Rauschgiftdezernat des Landes zu reden. Spätabends, im Haus eines Freundes vor den Toren Kabuls. Doch der Beamte hat Angst: „Wenn das rauskommt, bin ich ein toter Mann. Schon mehrmals haben mich meine Kollegen bedroht und mir geraten, nicht mehr zur Arbeit zu erscheinen.“

Der Mittvierziger ist einer der alten Hasen in der 110 Mann starken Drogeneinheit. Schon vor der Taliban-Herrschaft war er zwölf Jahre dabei. Nach dem Krieg ist Abdul aus dem Exil zurückgekehrt. „Unsere Ausrüstung ist katastrophal: Wir haben keine Autos, kein Labor. Nicht einmal eine verflixte Waage gibt es, um beschlagnahmtes Heroin zu wiegen.“ Es fehle ein Budget, um Informanten zu bezahlen, sodass die Fahnder auf Verrat innerhalb der Mafiagruppen angewiesen sind. Nur durch Zufall werde gelegentlich ein kleiner Dealer festgenommen, die großen Fische blieben unbehelligt. „Und selbst bei 100 Gramm Heroin drücken viele meiner Kollegen gegen Bakschisch ein Auge zu“, erzählt Abdul. Die Bestechlichkeit der Polizisten ist wenig verwunderlich bei einem Monatsgehalt von 1,8 Millionen Afghani, etwa 45 Euro.

Kürzlich hat das Innenministerium ausgerechnet in Faizabad, Badachschan, ein „Direktorat für den Kampf gegen Rauschgift“ eröffnen lassen. Hinter der hochtrabenden Adresse verbirgt sich ein einzelner erdgeschossiger Raum in einem stinkenden Hinterhof. Er ist kahl bis auf fünf Plastikstühle, eine Glühbirne an der Decke und einen aus Spanplatten gezimmerten Tisch. Darüber, an einer blassgrünen, schmutzstarrenden Wand, prangt ein Foto von Präsident Karsai. „Das Foto haben sie uns aus Kabul geschickt, die Möbel mussten wir selbst mitbringen“, sagt die Frau, die in dem Moment in einer blauen Burka das Büro betritt. Sie streift den Umhang ab und hängt ihn an einen Haken an der Tür – ein verblüffender Anblick im männerbeherrschten Badachschan. Zum Vorschein kommt eine junge Frau, gekleidet in ein langes schwarzes Kleid. Lima Ojan soll in Faizabad nach Drogen fahnden, so steht es in dem Arbeitsvertrag. Dabei hat die Lehrerin, die zuvor an einer Grundschule unterrichtete, nie eine Polizeiausbildung absolviert. Wie im Übrigen keiner ihrer fünf männlichen Kollegen im „Direktorat“. Bisher hat sie allerdings nichts getan außer den UN-Teams zu helfen, die im Sommer nach Badachschan reisten, um Mohnfelder zu vernichten. „Aber das ging von vorn bis hinten schief – dümmer hätten die sich nicht anstellen können“, erinnert sich Lima.

Mit großer Fanfare verkündeten die UN Anfang des Jahres einen Aktionsplan: Mohnbauern, die freiwillig dem Niederbrennen ihrer Felder zustimmten, sollten pro Hektar 1750 Dollar Ausgleich erhalten. So genannte Ausrott-Teams der UN schwärmten in die Provinzen aus, geschützt von britischen Elitesoldaten. Doch der Schuss ging nach hinten los. „Als die Bauern hörten, dass die UN sie nicht bestrafen, sondern ihnen den Mohn abkaufen wollten, bauten sie so viel wie möglich an“, erzählt Lima. „Ganz Badachschan wurde von einem roten Mohnteppich überzogen, sogar in Gärten und auf Hausdächern.“ Zwar betrug die zugesagte Entschädigung nur einen Bruchteil dessen, was ein Bauer mit dem Verkauf von Opium hätte verdienen können, doch die zumeist afghanischen Mitglieder der UN-Teams waren bestechlich. Der Trick bestand darin, zweimal Geld einzustreichen. So ließ ein Bauer einen halben Hektar Mohn vernichten, bezifferte den Schaden aber auf vier Hektar. Gegen einen saftigen Anteil am Ausgleichsgeld waren UN-Mitarbeiter bereit, ihm den Schwindel abzunehmen.

Selbst Teams, die ihre Aufgabe ernst nahmen, richteten mehr Schaden als Nutzen an: „Die UN-Leute konnten die grünen Mohnpflanzen nicht zum Brennen bringen, also knickten sie bloß die Köpfe ab. Das unterbrach aber nicht den Fluss des Opiumsafts, und die Ernte ging munter weiter.“ In anderen Fällen wurden Felder abgemäht, mit dem Erfolg, dass die Pflanzen erneut ausschlugen, oft kräfiger als vorher. So verdoppelte sich der Opiumertrag.

Lange wurde aus Badachschan nur rohes Opium ins Ausland verkauft, wo es zu Heroin weiterverarbeitet wurde. Erst in den späten achtziger Jahren begannen die Afghanen, selber die Endprodukte herzustellen und sich so höhere Profite zu sichern. Heute vermutet man in Badachschan etwa ein Dutzend Hinterhoflabors, wo in alten Ölfässern zentnerweise Opium mit reichlich Kalk aufgekocht wird. Beigaben von Essigsäureanhydrid verwandeln die abgeschöpfte Masse danach in das bräunliche und weiße Heroinpulver. „Das sind Tötungsmaschinen, nichts anderes“, sagt Lima, die von zwei Labors in einem Dorf nahe Faizabad weiß. „Niemand kann dorthin gelangen. Die betreffenden Häuser werden von Soldaten eines Kommandanten bewacht, die uns sofort erschießen würden.“

Ist das Heroin fertig hergestellt, dann kommen die Schmuggler, die es über die nahe Grenze nach Tadschikistan bringen. Die großen Transporte werden auf dem Basar ausgeheckt. Die wirklichen Bosse im Drogengeschäft sind eher unscheinbare Herren: die Geldwechsler. An den kargen Wechselstuben, die sie nahe der Moschee betreiben, lässt nichts auf ihren Reichtum schließen. Stutzig macht indes, dass die Geldwechsler über Nacht Millionen Dollar auftreiben können, wie Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten. So viel Geld kann in dieser bitterarmen Region nur aus einer Quelle stammen: Drogenerlösen.

Um sie zu „waschen“, fungieren die Wechselstuben nebenbei als Filialen für Überweisungen aus dem Ausland. Auf sie sind besonders internationale Hilfsorganisationen angewiesen, denn in Afghanistan ist noch kein funktionierendes Bankensystem aufgebaut. Das Ganze verläuft nach dem so genannten Hawala-System: Die Organisation zahlt in Dubai oder Karatschi einen Betrag auf das Konto eines Verwandten des Geldwechslers ein. Die beiden stimmen sich per Satellitentelefon ab, woraufhin der Geldwechsler denselben Betrag in Faizabad auszahlt. So ermöglichen ausgerechnet Hilfsorganisationen, die oft Millionenetats haben, wider Willen der Drogenmafia eine perfekte Geldwäsche. Der Laden von Qadir M. liegt gleich neben den Wechselstuben. Die Frage, ob der korpulente Mittvierziger selber im Drogenschmuggel tätig sei, ist tabu. Fast jeder auf dem Basar hat etwas mit „dem Business“ zu tun. „Hinter dem Drogengeschäft stehen die höchsten politischen Führer des Landes“, sagt Qadir, nachdem er seinen Laden abgeschlossen hat. „Und sie brauchen auch in Zukunft den Krieg, um ihre Deals unter dem Deckmantel des Islam zu machen.“

Frieden sei schlecht fürs Geschäft, erläutert Qadir, denn die Warlords spielten im Heroinschmuggel nach Tadschikistan eine entscheidende Rolle. „Es ist ganz einfach: Mit Eseln oder Jeeps bringt man das Zeug zu Kommandanten, in die Nähe der Grenze, etwa bei Khorog.“ Sie nähmen dann über Funk Kontakt zu ihren Komplizen auf der tadschikischen Seite auf: Offiziere des russischen Grenzschutzes, mit ihnen würden Ort und Zeitpunkt für eine ungestörte Übergabe vereinbart.

Nur manchmal gebe es Probleme mit jungen russischen Offizieren, die noch übereifrig und unbestechlich seien. Aber das gebe sich nach ein paar Wochen im Dienst. „Dann gilt: Nur wer einen Schmuggel nicht auf diesem ‚offiziellen‘ Weg anmeldet, riskiert, von den russischen Grenzwächtern aufgegriffen zu werden“, sagt Qadir und streicht seine Shalwar Kameez glatt. „Meist erschießen die Russen solche ‚unkooperativen‘ Schmuggler – als Warnung an andere.“