Koche ich griechisch, kostet mich das zehn Minuten. Ich gieße salzige Hühnerbrühe auf ein Blech und verteile darauf die acht Einzelteile eines Huhns, längsgeviertelte Kartoffeln, große Knoblauchzehen, halbe Zwiebeln, Karotten. Über alles streu' ich Salz, Pfeffer, provenzalische Kräuter. Nach mindestens einer Stunde im Ofen - Zeit zum Lesen, Trinken, Darts-Spielen - kommt das Blech auf den Tisch. Leckerste Krüstchen auf jedem Stück. Bisher waren alle Gäste begeistert: "Wo hast Du griechisch kochen gelernt?"Ich kann nicht griechisch kochen. Und unter den Gästen waren nie Griechen. Die hätten sich gewundert, so nehme ich doch an. Ich habe nämlich keine Ahnung, was das Rezept mit Griechenland zu tun hat. Erstens war ich nie in Griechenland. Zweitens stammt das Rezept aus uralten, mündlich überlieferten Winterthurer Wohngemeinschafts-Rezeptbeständen. Drittens ist die Brühe (Oswald! Nur via Versandhandel zu beziehen) schweizerisch, viertens das Huhn deutsch, fünftens die Gewürze ein beliebiges französisches Kuddelmuddel ("Herbes à la Wasgradda"). Und sechstens gibt es fast immer italienischen Wein dazu. Das letzte Mal einen Salice Salentino, für acht Euro.Aber irgendwann vor über zwanzig Jahren hat einer behauptet, es komme nun ein griechisches Hähnchen auf den Tisch. Das war am Abend nach Abschluss der Aufnahmen für die wöchentliche Sendung eines Winterthurer Piratenradios. Es war Winter. Daran erinnere ich mich, nicht aber an den Urheber der Köstlichkeit.Seit vielen Jahren ist das griechische Huhn eines meiner besten Rezepte. Höchste Zeit für eine Spurensuche. Ich beschließe, den ausfindig zu machen, der das Rezept in die deutschsprachige Welt gesetzt hat.Ich versuche Sergio anzurufen, der meines Wissens damals in jener Groß-WG am Tisch saß, wie meist neben der Spüle. Natürlich ist die Nummer ungültig, die Auskunft führt keinen Sergio mit entsprechendem Nachnamen. Ich suche gesamtschweizerisch im Internet-Telefonbuch - Fehlanzeige. Auch Google weiß keinen Rat. Die Suchmaschine findet lediglich einen Artikel über einen in einen amerikanischen Polizistenmord verwickelten Hilfslehrer chilenischer Herkunft. Der ist bedeutend älter als mein Sergio, hat im Prozess seine Unschuld beteuert und acht Jahre erhalten.Sergios damalige Freundin hieß Margarethe, studierte Jura. Sie finde ich im Telefonbuch. Sie hat eine eigene Anwaltspraxis. Von Sergio hat sie seit Jahren nichts gehört. Worüber sie nicht unfroh ist. An das griechische Huhn kann sie sich nicht erinnern. Und es warte ein Mandant. Immerhin reicht die teure Zeit für die Nummer von Tom. Und Tom erinnert sich an Fredi und der an das Huhn: "Groß war der Durst danach. Mein Gott! Wie hatten wir Durst!"Fredi tippt auf Philipp. Der habe doch immer demonstriert, Transparente gemalt auf dem Küchentisch, weil er für die Gewerkschaft gearbeitet habe und in einer Interessengemeinschaft mitgeredet habe. Der kannte seines Wissens Griechen. Philipp habe manchmal gekocht.Philipp gesteht, das legendäre griechische Huhn an jenem Abend auf den Tisch gebracht zu haben. Das Rezept habe er aus einer anderen WG mitgebracht. "Aber ob von denen jemals einer in Griechenland war?"Die Originalspur hat nach zwei Stunden Suche nach Lenzburg im Kanton Aargau geführt. Wie soll sie von da wieder wegführen? Gar nach Griechenland? Also Kapitulation.Neuer Anfang: Ich rufe Christina an. Sie ist Griechin, wohnt in Dresden. "Kotopulo lemonato" brüllt sie ins Telefon. "Du meinst vermutlich Kotopulo lemonato - das Huhn mit Zitrone im Backrohr, das griechische Zitronenhähnchen!" Ganz bestimmt. Christinas Euphorie lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie auf Grund meines kulinarischen Phantombilds das Gericht wiedererkannt hat. Statt des Hühnchens in Stücken aufs Blech legt sie das ganze Getier in einen Bräter. Statt Brühe leert sie Öl und Zitronensaft dazu. Statt provenzalischem Kräuterkuddelmuddel streut sie Oregano darüber. Immerhin der Rest ist ziemlich identisch: Salz, Pfeffer, Kartoffeln, 200-220 Grad Celsius. Ich renne zur griechischen Enothek und zum Fleischer und zum Gemüsehändler. Heute mal richtig, sage ich mir, rufe Freunde an. Könnte ich Griechisch, würde ich nun noch etwas singen. In der Not krame ich in einer alten Umzugskiste und werde schon nach Minuten fündig: Eine Stunde Piratenradio. Unsere Musik von damals! Ich trabe in die Küche, binde die Kochschürze um und schiebe die Kassette ins Gerät. Gianna Nannini beschreit den Latin Lover. Passt genau.

Original griechisch Ihr Urs Willmann

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