Das 17. Jahrhundert war für Mitteleuropa eine unglückselige Zeit. Die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges, als sich die Söldnerheere halb Europas hier herumtrieben, sollte vor allem die deutschen Lande treffen und noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein schwächen. Die lange Kriegsdauer sowie der Grundsatz, dass der Krieg den Krieg zu ernähren habe, brachten unvorstellbares Leid über die Menschen. Zu dem wirtschaftlichen Schaden kam die moralische Verwüstung, kamen Mutlosigkeit und Resignation. Auch zerriss der Friedensschluss von 1648 die Mitte Europas endgültig in unzählige Klein- und Kleinststaaten unterschiedlicher Konfession – ideale Bedingungen für Rückständigkeit und Provinzialismus.

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet diese Zeit der allgemeinen Lähmung, des Stillstands und der Enge eine ganze Reihe herausragender Künstler und Wissenschaftler hervorgebracht hat, die mit Leistungen von epochalem Rang zu glänzen vermochten. In der Kunst des deutschen Barock kommt die ganze Zerrissenheit der Epoche zum Ausdruck mit ihren Lastern und Leidenschaften, ihrer Inbrunst und Sinnlichkeit, ihrer Derbheit und Verderbtheit. Aber ebenso stark spürt man die Sehnsucht der Menschen nach Ordnung und Harmonie. Dieser Gegensatz ist sogar in der Naturwissenschaft jener Zeit offenkundig: einerseits die ausufernde, dem Übersinnlichen zugeneigte Spekulation, wie sie für das noch von der Scholastik geprägte Denken typisch war, andererseits der Sinn für die scharfe Beobachtung, genaue Messung und kritische Analyse. Die Naturwissenschaften erhalten ihr mathematisches Fundament. Die Welt wird jetzt zunehmend mechanisch erklärt; Aufklärung tritt an die Stelle religiöser Verklärung.

Auf deutschem Boden hat vor allem Otto von Guericke diesem neuen, der Renaissance verpflichteten Denken in den Naturwissenschaften zum Durchbruch verholfen. Er wurde am 30. November (dem 20. November alter Zeitrechnung) 1602 in Magdeburg als Sprössling einer wohlhabenden und angesehenen Patrizierfamilie geboren. Sein Vater war schon als junger Mann Gesandter im Dienst des polnischen Königs gewesen und dafür mit dem Adelstitel belohnt worden.

Auch der Sohn soll nach dem Wunsch des Vaters Politiker werden. Nach der Vorbereitung durch Hauslehrer bezieht er als 15-Jähriger die Universität in Leipzig. Von 1621 an finden wir ihn in Helmstedt (damals ein bekannter Studienort), danach an der juristischen Fakultät in Jena. 1623 geht er nach Leiden – eine der modernsten Hochschulen Europas – und ergänzt dort seine juristische Ausbildung durch Studien der angewandten Mathematik und Physik. Unter "angewandter Mathematik" verstand man damals vorzugsweise die "Fortifikationslehre", also den Festungsbau.

Guericke wird Bürgermeister des zerstörten Magdeburg

Bevor er 1626 in das Ratskollegium seiner Vaterstadt eintritt, bereist er noch England und Frankreich, jene Länder, in denen – neben Italien und den Niederlanden – die Naturwissenschaften am weitesten fortgeschritten sind. Doch an die Abenteuer der Forschung ist vorerst nicht zu denken. Die Wirren des Krieges stürzen Guericke in ganz andere Abenteuer. 1631 belagert das kaiserlich-katholische Heer unter Graf Johann Tserclaes von Tilly das blühende Magdeburg und dringt schließlich am 20.Mai plündernd und mordend ein. Es ist eine der großen Untaten des Dreißigjährigen Krieges: die Hansestadt an der Elbe wird – mit Ausnahme des herrlichen Doms und des Liebfrauenklosters – völlig niedergebrannt, Tausende Menschen kommen um.

Otto von Guericke kann sich und seine Familie nur mit knapper Not retten. Er findet Schutz im Heer des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf und tritt als Ingenieur im Offiziersrang in dessen Dienst. Nachdem Magdeburg unter schwedischem Schutz wieder aufgebaut werden soll, kehrt Guericke an die Elbe zurück. 1646 wird er zu einem der vier Bürgermeister der Stadt ernannt.

Er ist jetzt viel unterwegs. So finden wir ihn 1648 auf dem Friedenskongress in Osnabrück, später bei Nachfolgeverhandlungen in Nürnberg, Wien, Prag und 1654 auf dem Regensburger Reichstag. Der große Erfolg bleibt ihm versagt. So gelingt es ihm nicht, für seine Heimat die alten Privilegien einer freien Reichsstadt zu erhalten. 1678 wird er durch den Magdeburger Rat emeritiert. Als 1681 die Pest auszubrechen droht, zieht er zu seinem Sohn nach Hamburg. Dort stirbt Guericke am 21. Mai (dem 11. Mai alter Zeitrechnung) 1686. Sein Leichnam wird per Schiff die Elbe hinauf in die Heimatstadt überführt. Die letzte Ruhe findet er in der Familiengruft, in Magdeburgs Johanniskirche.