Bellavista

Die Menschen im kolumbianischen Dorf Bellavista verstehen etwas vom massenhaften Tod und vom Vergessen. Das eine wie das andere hat hier gewirkt, als hätte jemand eigens ein Drehbuch dafür geschrieben. Wenn die Leute erklären wollen, wie beides zusammenspielte, erzählen sie die Geschichte von dem General und dem Tennisschuh.

Die 119 Menschen waren bereits seit fünf Tagen tot, als Armeegeneral Montoya nach Bellavista kam. Sie waren zerrissen und zerfetzt, die meisten konnten nicht mehr identifiziert werden. Klar war nur, dass die meisten Opfer Kleinkinder und Frauen waren. Geschehen war Folgendes: Guerilleros der linksgerichteten Farc, der "Bewaffneten revolutionären Armee Kolumbiens", und rechte Paramilitärs bekämpften sich mitten im Dorf. Die Menschen flüchteten vor dem Kugelhagel aus ihren Holzhäusern in die Kirche und in das angrenzende Pfarrhaus. Guerillas und Paras beschossen sich nach Kräften. Die Farc begann, selbst gebastelte Bomben aus ihren Stellungen in Richtung der Paramilitärs abzuschießen. Die Kirche lag genau dazwischen. Diese Bomben sind nichts anderes als präparierte Gasflaschen, die mit Eisenteilen gefüllt sind. Sie werden in einen Zylinder gesteckt und abgefeuert. Die Explosionen haben verheerende Folgen. Diese primitiven Mordinstrumente tragen den schönen Namen pipeta, Pfeifchen. Nach eineinhalb Tagen heftigen Kämpfens kam es, wie es kommen musste. Eine pipeta flog zu kurz, durchschlug das Kirchendach und richtete ein Blutbad an.

Das war das Massaker. Danach kam der General.

Er kam zu spät, aber mit großem Aufgebot. Viele Truppen, Hubschrauber, Flugzeuge, ein Schwarm Journalisten. Bevor noch irgendjemand zur Kirche vordringen konnte, ließ der General das Gelände abriegeln. Als er die Medien heranließ, pflanzte er sich vor der Kirche auf. Die Mikrofone waren gezückt, die Kameras surrten. Der General erzählte, was geschehen war. Dann hielt er den Tennisschuh eines Kindes in die Höhe. Mit tränenerstickter Stimme sagte er: "Die Terroristen schrecken vor nichts zurück!"

Die Menschen in Bellavista wunderten sich. Sie hatten so einen Tennisschuh noch nie gesehen. Er war zu fein, zu edel. Niemand hier konnte sich so etwas leisten. Bellavista ist ein kleiner Ort. Die Bewohner kannten keinen, der einen solchen Tennisschuh besaß. Außerdem war er sauber. Wie hatte das sein können inmitten all des Blutes? Sie fanden nur eine Erklärung: Der General hatte den Schuh selbst mitgenommen, zum Zwecke der Propaganda.

Die Geschichte lässt sich nicht mehr überprüfen, aber die Menschen in Bellavista erzählen davon.