Immerhin: Oskar Lafontaine und Arnulf Baring haben das Ritual deutscher Vergangenheitsbeschwörung im politischen Tagesgeschäft um eine Nuance bereichert. Üblicherweise werden demokratische Politiker mit Nazigrößen und politische Ärgernisse in der offenen Gesellschaft mit Zuständen im Dritten Reich verglichen. Jetzt ist der historische Kostümfundus um die Endphase der Weimarer Republik erweitert worden. Freilich geht der Bezug zu der mit obsessiver Angstlust ins Gedächtnis gerufenen Nazizeit nicht verloren: Schröder mit Brüning in Verbindung zu bringen wirkt ja nur skandalös, weil mit dessen Scheitern als Reichskanzler der Weg zu Hitlers Machtergreifung frei geworden sei.

Die Gegenseite reagierte prompt mit routiniertem Entsetzen und empörten Warnungen vor der demokratiegefährdenden Gesinnung, die hinter der konzertierten "Kampagne" von Presse und Opposition stecke. Rufen die einen "Brüning!", kontern die anderen mit "Hugenberg!". Überflüssig zu erwähnen, wie weit diese Schreckensbilder von der Realität einer nach wie vor wirtschaftskräftigen Gesellschaft entfernt sind, deren größte Reformbremse doch eher die saturierte Ermüdung als die entfesselte ideologische Leidenschaft ist. Nicht weniger absurd ist die Analogie zur untergehenden DDR. Wer die Bürger der Bundesrepublik dazu aufruft, mit dem Schlachtruf "Wir sind das Volk" zur friedlichen Revolution auf die Straßen zu strömen, begreift nicht, dass es ein "Volk" wie jenes, das 1989 in Leipzig und Berlin in Erscheinung trat, in einer komplexen pluralistischen Gesellschaft überhaupt nicht gibt. Seine Existenz setzt eine Interessensidentität der Bevölkerung gegenüber "dem Staatsapparat" voraus, wie sie allenfalls im Widerstand gegen die Macht einer Diktatur denkbar ist.

Unsere Probleme sind harmloser und zugleich verzwickter. In der Immobilität und Entscheidungsschwäche der Regierenden spiegelt sich gerade das Dickicht der Interessenskonflikte in einer Gesellschaft wider, in der alle über ausbleibende Veränderungen klagen, deren mögliche unangenehme Auswirkungen aber niemand am eigenen Leib zu spüren bekommen will. Das strukturelle Dilemma - beider! - Volksparteien besteht keineswegs in ihrer Volkfeindlichkeit, sondern vielmehr darin, dass sie es "dem Volk", das heißt allen gleichzeitig, recht machen wollen und sich deshalb zwangsläufig im Fangnetz der widerstrebenden Ansprüche verstricken.

Wenn sich der rhetorische Pulverdampf der jüngsten Gespensterdebatte verzogen haben wird, bleiben die Probleme. Hinzugekommen wird aber sein, dass die notwendige scharfe Kritik an einer kopf- und ziellosen Regierungspolitik durch den historisierenden Klamauk diskreditiert ist. So anachronistisch sind die Angst- und Untergangsszenarien, dass es den Apologeten des Stillstands leicht fällt, auch die mit angemessenem Pathos vorgetragenen Mahnungen, das Ausmaß der Krise endlich zuzugeben, als Panikmache und Miesepeterei abzutun.

Offenbar hat die Bundesrepublik noch immer kein ausreichendes historisches Selbstbewusstsein als ein in der deutschen Geschichte neuartiges, demokratisches Gebilde entwickelt, um sich ihre Lage anders erklären zu können denn durch unablässiges Bemühen historischer Gleichnisse aus ihrer Vorzeit. Je weiter sich die realen Probleme der modernen Demokratie von den totalitären Vergangenheiten entfernen und je bedrohlicher die Gegenwartsprobleme werden, umso willkürlicher die Vergleiche.

Der zwanghafte Rückgriff auf die Geschichte ist ein Fluchtreflex. Er drückt die Scheu der Eliten aus, sich Herausforderungen zu stellen, die kein Vorbild in der Geschichte haben. Die hysterische Katastrophenbeschwörung ist selbst ein Teil jenes Verdrängungsmechanismus, den sie durchbrechen will. Nicht um einen spektakulären Systemwechsel geht es heute, sondern um den zähen, beharrlichen Umbau vertrauter sozialer und wirtschaftliche Strukturen zwecks des Systemerhalts.

Nationen mit langer demokratischer Tradition haben Erfahrung darin, Krisen mit den Mitteln der Demokratie zu überwinden. In Deutschland aber sind die Eliten in den vergangenen Jahrzehnten im Bewusstsein herangewachsen, mit dem "Modell Deutschland" schon die beste aller demokratischen Welten zu besitzen, das es nur noch zu vervollkommnen gelte. Für Einschnitte in der Demokratieentwicklung besitzen sie kein Instrumentarium und folglich auch kein Inventar an Leitbildern. Stattdessen klammert man sich an die Problemstellungen und Schlachtanordnungen der Vergangenheit und gewinnt so scheinbar festes weltanschauliches Terrain zurück, das in der Unübersichtlichkeit der Gegenwart und angesichts einer ungewissen Zukunft verloren ging. Das vermeintliche Geschichtsbewusstsein, das sich in der historischen Vergleichsmanie zur Schau stellt, ist in Wahrheit ein Symptom der Gegenwartsverdrängung und ein Medium der Enthistorisierung.