Es ist was es ist / sagt die Liebe. Ein hübsches Gedicht von Erich Fried, fast schon klassisch: Es ist Unglück / sagt die Berechnung / Es ist nichts als Schmerz / sagt die Angst / Es ist aussichtslos / sagt die Einsicht / Es ist was es ist / sagt die Liebe. In Trauerbriefen wird es gern zitiert und auf Todesanzeigen. Zum Abschied, einem Abschied, den es niemals gibt oder geben soll. Denn die Liebe - Die Fotos, die wir auf dieser Doppelseite sehen, dokumentieren einen Arbeitsplatz des Abschieds: das Krematorium. Der Aachener Bildhauer und Fotograf Jürgen Twielemeier, Jahrgang 1960, hat sie in verschiedenen deutschen Großstädten gemacht, Ergebnis eines Projekts, das ihn schon lange fasziniert und an dem er immer noch arbeitet. Doch seine Bilder zeigen keine Szenen der Trauer, keine Tränen, keinen Segen, keinen Trost und keine Flamme.

Keinen Lebenden und keinen Toten. Sie zeigen nur Arbeitsräume, halb Magazin, halb Büro. Kacheln und Fliesen. Eimer. Lichtschalter, Grünpflanzen, Urlaubsposter, über der Tür die Uhr. Allenfalls ein Sarg oder ein paar Urnen verraten mehr über den Ort, an dem wir uns befinden, eine verschreckte Batterie von Kerzenständern, samtschwerer Stoff.

Twielemeier, der Steinmetz, prüft das Material, misst das Volumen: weiß und hart. Eine klinische Atmosphäre beherrscht diesen letzten Ort, der seltsamerweise an einen ersten Ort denken lässt, an den Kreißsaal im Krankenhaus.

Transit, Wartezimmer. Doch die Uhr zeigt nur die Zeit bis zum Feierabend.

Eine Arbeit ist zu tun. Etwas wird erledigt, eingeräumt, weggeräumt, ein Prozess durchgeführt, der Verbrennungsprozess. Die Räume sprechen von Regeln, von einer klaren Anordnung. Sicherheitsvorschriften sind einzuhalten, auf die Belüftung ist zu achten, auf Sauberkeit - infektiös. Notwendiges ist bereitzuhalten, zur Pietätsausübung, zum Beispiel die Kerzen.

Ein Ort der Routine, ein alltäglicher Ort. Es ist eine besondere Arbeit, gewiss, aber doch nur eine Arbeit, und wir machen das hier nicht zum erstenmal. Schon immer sind die Leute gestorben, schon immer wurden Leichen verbrannt (auch wenn man in vergangenen Zeiten die Erdbestattung vorzog, Sarkophag und Gruft). Alle kommen dran, alle müssen hier durch, durch diese Leichenhalle oder eine andere, ob reich, ob arm, Begräbnis erster oder letzter Klasse, ob jung gestorben, mitten im Leben und lachenden Mundes, oder mit 109. Egal, gleichviel. Die Wirkung dieser Fotos erinnert an die eines Totentanzes in alten Kirchen kann man ihn sehen, Freund Hein, wie er kommt mit der Hippe und sie alle holt: Bettler, Bürger, Ritter, Papst und Kaiser.

Wie er sie alle, sie mögen lächeln oder schreien, zum letzten Tanz bittet und lacht.