Gerd Birn unterrichtete uns in Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde, Erdkunde, und was immer ich da gelernt habe: Ich habe es gründlich vergessen. Alles, was ich mir gemerkt habe, sind seine Geschichten, die meistens in seiner Studentenzeit in den sechziger Jahren spielten und immer mit derselben Frage endeten: ob man der RAF, wenn sie eines Abends geklingelt hätte, die Tür hätte öffnen sollen. Aber es war bereits Mitte der achtziger Jahre, und Andreas Baader und Ulrike Meinhof waren lange tot.

Stattdessen klingelten immer nur wir, seine Einserschülerinnen. Waren mit unseren Mofas den Berg hinaufgefahren, durch Wälder und Dörfer, den immer schmaler werdenden Verästelungen von Landstraßen folgend, dann eine scharfe Linkskehre, die sich in einer absurden Verrenkung von der Ortsdurchfahrt wegstreckte, das letzte Stück Schotterweg, und dann waren wir da. Und er öffnete uns. Im Sommer in Badehose, im Winter in Schafwollpullis stand er in der Tür, streckte er uns förmlich die Hand entgegen, mit diesem schiefen Lächeln, das seine Frau als ironisch beklagte, und bat uns mit einer übertriebenen Vorhand in sein Haus.

Es wäre übrigens ein perfektes Terroristenversteck gewesen, schattig und verwinkelt, verborgen hinter einem ungekämmten Garten an einem Südhang des Schwarzwalds; für uns war es eine Zuflucht vor der langweiligen Angestelltenwelt unserer Eltern. An den Wänden hingen Schattenspielerfiguren, aus der Zeit, als er mit seiner Familie in Indonesien gelebt hatte. In der Küche reihten sich exotische Gewürze, wir schmeckten sie vorsichtig mit der Zungenspitze wie vielleicht Marco Polo auf seiner ersten Reise. In seinem Bücherregal stand Fests Hitler-Biografie, Mars von Fritz Zorn, der Kinsey Report . Wichtige Stellen waren mit Bleistift markiert. So lernten wir, dass Krebs psychosomatisch sein kann und dass etwa zehn Prozent der amerikanischen Männer es mit Männern taten (und manche sogar mit Schafen).

Zum Abendessen durften wir Keith Jarrett oder Woody Guthrie oder Leonard Cohen auflegen, und 1985 wurde Suzanne unser Sommerhit, den wir transkribierten und übersetzten. So lernten wir, dass es irgendwo da draußen Männer gab, die mit halb verrückten Mädchen im Gras lagen und sich von diesen Tee und Orangen verabreichen ließen. Da wollten wir auch hin. Es war, als hätten wir in diesem Haus eine Ahnung von der Welt bekommen, bevor wir sie selbst kennen lernen sollten. Kann sein, dass wir ohne ihn nicht auf die Idee gekommen wären.

Bis heute geht es mir so, dass ich einen fremden Ort zum ersten Mal betrete, und in dem Moment fällt mir ein, dass Gerd Birn es war, der uns als Erster davon erzählt hat. Vor ein paar Jahren saß ich zum Beispiel auf einem Tafelberg in New Mexico, unten im Tal glänzten die Baracken von Los Alamos, und dann fiel mir sein Bruder ein, der dort unten als Atomphysiker arbeitete. Das war auch so eine Lieblingsgeschichte von ihm: ob man in dieser Welt als Atomphysiker arbeiten könne, er hielt das für einen sehr zweifelhaften Beruf. Jedenfalls war er gegen SDI und Wettrüsten.

Wir vermuteten schon damals, dass er wohl eifersüchtig auf seinen erfolgreichen Bruder war. Und freuten uns, dass es an unserer kleinen Realschule am Rande das Schwarzwalds einen so begabten Mann gab, der vielleicht das Zeug dazu gehabt hätte, Atombomben zu konstruieren, aber stattdessen unterrichtete er uns. Das heißt, er erzählte Geschichten.

Sicher hat er gegen alle pädagogischen Grundsätze verstoßen, als er uns von seinen Eheproblemen erzählte und den Eheproblemen seiner Freunde und den Alkoholproblemen eines Exkollegen und der Schülerin Regine, die in Berlin (!) mit einem Filmregisseur (!!!) verheiratet war, überhaupt, wie es in Berlin aussah und wie es in Ost-Berlin aussah und wie es im Treppenhaus der Ludwig-Maximilian-Universität in München aussah, wo er seine Frau kennen gelernt hatte, mit der er dann nach Indonesien gezogen war, überhaupt: Jakarta! Die Luftfeuchtigkeit im Dschungel, ob wir uns das überhaupt vorstellen könnten: Man geht aus dem Haus und ist sofort nass, wie nach einem Regen. Und wie er dann auf einem Deutschlandbesuch einmal mit Andreas Baader verwechselt worden war, apropos Baader: Mal angenommen, die RAF hätte eines Abends geklingelt…

Aber es war nur der Pausengong, und wir lagen wie hypnotisiert über unseren Tischen. Die Augen geschlossen, ein Ohr im Äther, baten wir ihn weiterzuerzählen.