Am Anfang ist das Bild, das Bild einer Landschaft. Weit, ziemlich grün, nur hier und da einige Siedlungen. Verhalten idyllisch, denkt der Besucher und tapst staunend über das riesige Satellitenfoto, das wie ein Teppich auf dem Fußboden liegt. Bis er aus allen Wolken fällt: Essen, das steht neben einer Häufung aus rötlichen Punkten und grauen Linien. Und der Rest? Das Ruhrgebiet, tatsächlich. Dabei hatte man sich das eigentlich immer anders vorgestellt.

Diese Neubestimmung des Bildes ist das Anliegen von RheinRuhrCity, einer Ausstellung, mit der das Düsseldorfer NRW-Forum dazu einlädt, neu über das Ruhrgebiet nachzudenken. Über 150 Jahre lang war die Region von der Kohle- und Stahlindustrie bestimmt. Heute ist davon kaum noch etwas übrig, ganze Stahlwerke wurden nach China verkauft. Zurückgeblieben ist ein dichtes Gewirr von Städten, die Deutschlands größte Stadt wären, wenn sie sich selbst so betrachten könnten. Doch von dieser Vision ist die Wirklichkeit weit entfernt, das zeigt die Ausstellung durch eine Reihe von Interviews mit den Oberbürgermeistern des Ruhrgebiets. Die Vorstellung, das jeweilige kommunale Ich in die Waagschale einer neuen Rhein-Ruhr-Stadt zu legen, empfinden sie meist als Bedrohung der eigenen Identität.

Um diese Blockade des regionalen Selbstbewusstseins aufzulösen, holten sich die Düsseldorfer Ausstellungsmacher die Unterstützung vom holländischen Architektenbüro MVRDV. Das branchenintern oft als "Popstars" oder "Boygroup" apostrophierte Team um Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries hat in der Vergangenheit immer wieder mit spektakulären Weltbildentwürfen von sich reden gemacht. So stapelten sie mit ihrem Holländischen Pavillon zur Expo 2000 landestypische Kulturlandschaften übereinander

eine monumentale Lasagne aus Natur und Technik, die das jahrhundertelange Ringen um den knappen Lebensraum zum Selbstporträt des Polderlandes erklärte. In Pig City, einer vom Holländischen Landwirtschaftsministerium beauftragten Studie zur Schweinezucht mit optimiertem Flächenbedarf, schlugen sie vor, die gesamte Schweineproduktion der Niederlande in 76 Hochhäusern von je 600 Meter Höhe unterzubringen.

Um nun auch noch den Pott zum Kochen zu bringen, entwirft MVRDV die Fata Urbana einer Superstadt, die auch die Rheinschiene von Düsseldorf bis Bonn einschließt und eine Bevölkerung von elf Millionen Menschen umfasst. In dieser RheinRuhrCity avanciert Stadt- zur Regionalplanung, und deren neue Spielräume überfliegt MVRDV in vier extrabreit projizierten Extremszenarien.

Der Pott als Naturpark

In Park City wird das Werk der Deindustrialisierung vollendet und die Bevölkerung in wirtschaftlich glücklichere Gegenden umgesiedelt. Ganz sich selbst überlassen, entwickelt sich die Stadtlandschaft zwischen Zechen und Hochöfen zum größten Nationalpark Europas. Campus City forciert den Strukturwechsel und überzieht das ehemalige Revier mit einer Myriade von Forschungsinstitutionen. Network City macht den Transrapid zur Straßenbahn des Ruhrgebiets und akupunktiert die Landschaft mit Bürohausinnenstädten à la Hongkong. In der Archipel City schließlich spezialisiert sich jede Stadt: Oberhausen wird das Einkaufszentrum Europas, Essen Design-Zentrum und Düsseldorf Sitz der europäischen Luftfahrtindustrie. All diese Szenarien sind so offenkundig übertrieben, dass sie unmöglich als Plan dienen könnten. Die Übertreibung ist rhetorisch kalkuliert, um die Kommunalpolitiker aus ihrer Amtsstubenapathie aufzuschrecken. Zugleich will man die Befürworter überkommunaler Zusammenarbeit ermutigen, in Zukunft noch viel radikalere Aufgaben anzugehen. Vor allem aber soll die Übertreibung auch ein gewisses Maß an Ablehnung provozieren, um die Gesellschaft herauszufordern, eigene Szenarien zu definieren.