Die Autoindustrie hat einen Sinn für Wortmystik. Sie hält es mit Stefan Georges berühmter Zeile: Kein Ding sei, wo das Wort gebricht. Im PS-Jargon der Branche hieße das: Haste keinen geilen Namen für deine Karre, gibt es sie quasi gar nicht. Deshalb beschäftigen die Hersteller Suchtrupps, die die Welt nach Wörtern durchkämmen oder, Dichtern gleich, Neologismen erschaffen, um ihrem Blechding zum Sein zu verhelfen. Das ist mindestens so aufwändig wie das Verfassen eines gelungenen Gedichts, schließlich darf der Name keine falsche Assoziation wecken. Nachher bedeutet er in einem Dschungeldialekt rostiger Mülleimer, in den ich dein verrottetes Herz stopfen werde oder etwas ähnlich Verkaufsförderndes

alles schon vorgekommen. Peinlich ist es in jedem Fall, schließlich sind auch Dialektsprecher potenzielle Kunden.

Was ist unter diesen Auspizien vom Kia Carnival II 2,9 CRDi EX zu halten?

Vielleicht muss man vorwegschicken, dass Kia der Name des Herstellers ist, denn noch ist der zweitgrößte koreanische Autoproduzent hierzulande kein rechter Begriff. Wie auch, baut die 1944 gegründete Firma doch erst seit zehn Jahren eigene Autos

zuvor fertigte sie Fahrräder, Kleinlaster mit drei Rädern und einige Mazda-Modelle in Lizenz. Dass 1998 der koreanische Konkurrent Hyundai die Aktienmehrheit an Kia erwarb, hat die Marke nicht bekannter gemacht. Rund 20 000 Kias werden jedes Jahr in Deutschland zugelassen, darunter auch der Carnival. Ein Name, der dem rheinischen Tester gleich sympathisch ist. Einmarsch, Kapelle bitte!

Der Karneval ist umgestülpte Welt, schreibt der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin. Die Gesetze, Verbote und Beschränkungen, die die gewöhnliche Lebensordnung bestimmen, werden für die Dauer des Karnevals außer Kraft gesetzt. Nun, der Kia Carnival hat vier Räder, einen Motor, Lenkrad, Türen, Fenster und so weiter, ist also ein gewöhnliches Auto. Und doch trägt er seinen Namen zu Recht, denn er setzt Beschränkungen anderer Pkw mühelos außer Kraft. In drei Sitzreihen bietet er reichlich Platz für sieben Fahrgäste. Das tun andere Vans auch. Aber kann man in denen von Reihe eins nach Reihe drei eine Polonäse veranstalten? Tusch!

Kein Kardanwellentunnel, keine Mittelkonsole versperrt den Weg zwischen den Sitzen. Okay, er reicht vielleicht nicht an die Tanzwagen der Deutschen Bahn heran, aber dafür fährt dieser Wagen immer dann, wenn man ihn braucht. Zudem erhebt sich der Carnival über das Van-Gesetz, das da lautet: Der Kofferraum ist immer zu klein. Wenn in gewöhnlichen Familienkutschen alle Sitze belegt sind, bleibt hinter der letzten Reihe gerade noch Platz für einen Buggy, geklappt. Im Carnival lassen sich die hinteren Sitze von hinten, von der gewaltigen Heckklappe her, nach vorn schieben. Dennoch bleiben die Kniescheiben der Funkemariechen in Reihe drei intakt, und hinter ihnen entsteht Raum für ein veritables Kölschdepot.