DIE ZEIT: Die Serie amerikanischer Wirtschaftsskandale hat weltweit die Märkte verunsichert und den Abschwung verschärft. Die US-Regierung verabschiedet neue Gesetze und will Manager härter bestrafen. Ist der Kampf gegen Lug und Trug damit gewonnen?

Paul Volcker: Nein, sicher nicht, das Problem sitzt viel zu tief. Mit ihren Reformen ist die Regierung auf dem richtigen Weg. Aber es bleibt die Frage, ob sie schnell genug reagiert - und ob sie nicht mitunter unüberlegt vorgeprescht ist.

ZEIT: Vorgeprescht?

Volcker: Hilft es wirklich, dass Direktoren jetzt Finanzberichte ein zweites Mal bestätigen müssen und dass ihnen Gefängnisstrafen drohen? Diese Regelung ist politisch motiviert, aber hilft der Sache kaum. Richtig ist, dass wir eine neue Aufsicht für die Wirtschaftsprüfer schaffen. Diese Branche hat versagt.

ZEIT: Genau in diesem Punkt hat die Regierung aber einen merkwürdigen Eiertanz aufgeführt. Sie wollte zusätzliche Gelder für die Wertpapierbehörde SEC wieder streichen, die Suche nach einem Chef für die neue Wirtschaftsprüferaufsicht geriet zur Farce, schließlich verlor SEC-Chef Harvey Pitt seinen Posten. Meint es Präsident George Bush wirklich ernst mit dem Durchgreifen?

Volcker: Da hat sich Unentschlossenheit gezeigt. Dafür haben nicht zuletzt die Wirtschaftsprüfer selber gesorgt. Sie sind mächtiger, als ich ursprünglich gedacht hatte - wegen ihrer hohen Wahlkampfspenden und weil viele Prüfer gezielt einzelne Abgeordnete unter Druck setzen.

ZEIT: Kritiker werfen Bush vor, er habe erst publikumswirksam scharfe Gesetze erlassen und verhindere jetzt, dass sie wirklich umgesetzt werden.

Volcker: Ich weiß nicht, warum Washington sich so schwer damit tut, der SEC die nötigen Mittel zu gewähren. Wie die Personalentscheidungen so konfus geraten konnten, ist mir ebenfalls unverständlich. Eines ist klar: Die Reformen gehen erst wirklich weiter, wenn die beiden Chefposten bei der Wertpapieraufsicht und bei der Behörde für die Wirtschaftsprüfer besetzt sind.

ZEIT: Aber selbst dann: Reichen neue Behörden und Regeln aus, um die Fehler der Neunziger zu korrigieren? Da sind doch auch ethische Maßstäbe verloren gegangen.

Volcker: Das ist sicher richtig. Geld ist zum Maß aller Dinge geworden. Der einzige Maßstab für die Arbeit der Manager und die Leistung des Unternehmens war plötzlich der Aktienkurs. Und hoch bezahlte Finanzingenieure bastelten mit immer komplizierteren Konstruktionen daran, Gewinne unter Umgehung von Buchhaltungs- und Steuervorschriften in die Höhe zu treiben. Den Verfall der Sitten kann man mit Gesetzen natürlich nur sehr schwer bekämpfen.

ZEIT: In Deutschland raten manche Experten, die Gehälter von Spitzenmanagern zu begrenzen - etwa auf das 150fache eines Durchschnittslohnes.

Volcker: Die Idee ist nicht neu, aber das funktioniert nicht. Während der Amtszeit Bill Clintons wurde ein Gesetz verabschiedet, nach dem Unternehmen ihre Managergehälter nur noch bis zu einer Million Dollar steuerlich absetzen konnten. Daraufhin haben viele Firmen ihre Topleute mit Aktienoptionen bezahlt. Und die führten am Ende zu den irrsinnigsten Gehaltsexzessen.