Was tun gegen die große Weltenkühle? Was hilft bei republikweiter Verstimmung? Manche verkriechen sich in wasserfeste Rüstungen, in gewaltige Goretex-Jacken gegen die Stürme da draußen. Andere verspüren eine geheime Lust am Ausweglosen und schneidern aus der Depression einen neuen Trend: die Stoffe lasch, angestoßen, ausgebeult, die Farben so schummrig wie das Tuschwasser eines Schulkinds. Der letzte Schrei aus dem Altkleidercontainer.

Das Fahlgelb mancher Hosen wirkt so nikotindurchtränkt wie die zwanzig Jahre alte Tischdecke in der Eckkneipe. Die Nähte platzen auf, die Kanten fransen aus. Diese Mode weiß nichts vom Klaren, vom Geraden, vom Glatten.

Besonders beliebt sind die Flicken: Sie sehen aus, als stammten sie vom Piratenkostüm beim Kinderfasching. Oder aus dem Nähkurs an der Volkshochschule, erste Stunde. Auch sehr kunstvolle Exemplare gibt es, wild verschlungene Formen in raffinierter Technik aufgestickt - als trüge man jetzt nicht nur unter, sondern auch auf der Hose eine Tätowierung. Flicken sind das neue Ornament der Gegenwart, man findet sie auf Hemdkragen, auf grob karierten Röcken oder Strickjacken, es gibt sie lila gestreift oder munter gefleckt wie das Fell einer Kuh.

Armselig sieht diese Fetzenmode aus und ist doch reich an Bedeutung. Es gab sie schon mal in anderen Varianten, wie so vieles in der Mode. Vermutlich wurde sie neu aufgelegt, weil der befremdliche Schick des Morbiden schon länger nicht mehr in den Boutiquen zu sehen war. Und doch erzählt die Selbstauflösung der Stoffe auch von den Selbstzweifeln der Menschen, in der Kleidung stecken nicht nur Menschen, sondern auch Vorahnungen. Die Flicken sind Zeichen: Orden für jene, deren Leben zerfetzt wurde. Man trägt auf Hose oder Hemd einen angehefteten Fremdkörper, mühsam das Zerlöcherte verbergend - und teilt so mit, dass man selbst nur Fremdkörper ist in einer durchlöcherten Gesellschaft. Pseudomüll ist der Stil einer Zeit, in der viele Existenzen kurzerhand auf den Müll geworfen werden.

Es ist eine teuer erkaufte Armut mit Tattoo-Hosen ab 160 Euro, ein Luxus-Elend, das viele als modischen Zynismus abtun werden. Man kann das Eingeritzte, das Perforierte und Abgeriebene aber auch als einen eigentümlichen Historismus begreifen: als Sehnsucht nach eigener Geschichte, nach einem Leben, das sichtbare Spuren hinterlässt, das nicht länger oberflächlich und glatt gebügelt ist, das nicht vorüberrauscht, ohne dass es zu spüren wäre. Vorbei ist die Zeit des Was-kostetdie-Welt-Glamours, jetzt wird die schäbige Realität wieder ernst genommen. Aber wie sieht sie eigentlich aus? In der Mode wird sie schon mal fleißig zusammengeflickt.