Zerknirscht wirkt er nicht. Keine Selbstzweifel, kein Eingeständnis eines Fehlers: "Ich bin mit mir im Reinen", sagt Hans Eichel, der Bundesfinanzminister. Er wird in der kommenden Woche vor den Bundestag treten, um zu begründen, warum der Staat nach der Wahl weitaus mehr Schulden aufnehmen muss als vor der Wahl geplant und warum er außerdem die Steuerlast erhöhen will.

Für die Opposition ist Hans Eichel der Sozialdemokrat, der zusammen mit Kanzler Gerhard Schröder "den größten Wahlbetrug in der Geschichte der Bundesrepublik" inszeniert hat. Als Finanzminister ist er einer der Hauptverantwortlichen in der rot-grünen Regierung, von der fast zwei Drittel der Bürger laut Meinungsumfragen sagen, dass sie das Volk vor der Bundestagswahl belogen habe.

Merz kannte die Zahlen

Ist Eichel der Mann, der zu viel wusste, aber nichts sagen durfte, um seine Partei nicht um die Chancen eines Siegs zu bringen? Zehn Tage vor der Wahl hatte Friedrich Merz, damals noch Chef der CDU/CSU-Fraktion, im Plenum des Parlaments den Minister direkt attackiert. Die Bundesrepublik werde mit ihrem Budgetdefizit die vom Stabilitätspakt vorgeschriebene Grenze deutlich überschreiten – "Ihre Mitarbeiter sagen Ihnen das seit Wochen". Auch das Loch in der Rentenkasse kannte Merz schon: Es gehe nur noch darum, ob die Beiträge auf 19,3 Prozent, 19,5 Prozent oder gar "auf bis zu 20 Prozentpunkte ansteigen werden".

Unvorstellbar, dass Eichel weniger wusste als Merz. Der Minister bestreitet nicht, dass ihn Beamte vor den Löchern im Etat gewarnt haben. "Da kriegen Sie aus dem Haus unterschiedliche Signale", verteidigt er sich. Auch im Leitungsteam des Ministeriums, dem so genannten Kollegium, sei "natürlich die Lage diskutiert" worden.

Nach seinen Erfahrungen gibt er jedoch nicht mehr viel auf Prognosen. Und in seinem Amt sieht er sich in einer besonderen Verantwortung – gegenüber dem Euro, den Kapitalmärkten, der Wirtschaft. "Sie können als Verantwortlicher des größten Landes der Euro-Zone nicht in der Gegend herumspekulieren", sagt er. "In dem Moment, in dem es der Finanzminister sagt, muss es auch so sein." Deshalb das späte Eingeständnis, dass Deutschland in diesem Jahr die Maastricht-Grenze reißt. Sicher sei er erst gewesen, als im September die Steuereinnahmen zurückgegangen seien.

Für einen Politiker, der in der Beliebtheitsskala der Demoskopen abgestürzt ist und demnächst von der Opposition vor einen Untersuchungsausschuss zitiert wird, sitzt Eichel erstaunlich locker und selbstbewusst am Konferenztisch seines Büros, den Schreibtisch mit der Sammlung von Sparschweinen im Rücken. Die Kleidung wie stets korrekt, das Haar sorgfältig gescheitelt, erzählt er gut gelaunt Anekdoten aus der Anfangszeit seiner Laufbahn in der hessischen Kommunalpolitik. So habe ihn damals ein CDU-Politiker der Homosexualität bezichtigen wollen – und das ausgerechnet ein Vierteljahr vor seiner geplanten, aber noch nicht öffentlich angekündigten Hochzeit.

Zurück zur Sache. Das Konzept der Regierung sei "nicht populär", gibt Eichel zu, "aber es gibt nichts Populäres zur Lösung der Probleme". Allenfalls den Hauch des Selbstzweifels lässt Eichel erkennen, als er einräumt, "immer noch einmal" nachgedacht zu haben: "Hätte ich es anders machen können?" Er wischt den Eindruck von Skepsis schnell beiseite. Die Alternative, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, wäre "für die Konjunktur noch schädlicher". Und noch höhere Schulden? Dann stiege die Zinslast wieder im Budget, und es gäbe "für die Privaten kein Vertrauen mehr, dass sich der Staat irgendwann einmal ein Stückchen zurückzieht".