John Rawls, vielleicht der wichtigste politische Philosoph des 20.

Jahrhunderts, war eine durch und durch akademische Figur, und doch ging von ihm eine eminent politische Wirkung aus. Sein Stil war trocken, immer argumentierend, ohne Poesie, doch in der Sache revolutionär. In seinem Hauptwerk, zu dem alle anderen Schriften hinführende oder ergänzende Nebenwerke sind, hat er sich unter anderem mit der aristotelischen Theorie des Lebensplans befasst und sie - liberal und modern - für jede Art individueller Lebensentwürfe geöffnet. Allerdings nur unter einer Bedingung: Unsere Lebensentwürfe dürfen die beiden formalen Prinzipien demokratischer Gleichheit, die gleiche individuelle Freiheit und die egalitäre Form der Kooperation, nicht verletzen.

Rawls selbst hatte einen einzigen Lebensplan von höchster Einseitigkeit. Er wollte eine Theorie der Gerechtigkeit schreiben, und die Motivation für dieses gewaltige Projekt hat er aus der ursprünglich christlichen Überzeugung gewonnen, alle Menschen seien einander so gleich wie Geschwister und sie würden zu gleichen Teilen an der Vollendung des Schöpfungsplans arbeiten. Das war seine religiöse Überzeugung, und sie überschnitt sich mit den weltlichen Ideen der Amerikanischen und der Französischen Revolution. Diese Übereinstimmung eines Teils unserer religiösen Überzeugungen mit modernen Verfassungsbegriffen hat Rawls später, mit einem berühmten Wort, den "overlapping consensus" genannt.

Schon kurz nach seiner Dissertation Anfang der fünfziger Jahre beginnt Rawls mit den Vorarbeiten zu einer Theorie der Gerechtigkeit, die in mehreren Aufsätzen zur vertragstheoretischen Grundlegung unseres Zusammenlebens, zur "Gerechtigkeit als Fairness" oder zum zivilen Ungehorsam, die wichtigsten Bausteine des Theorieprogramms entwerfen. Alle werden sie zu tragenden Teilen der Ende der Sechziger fertig gestellten Theory of Justice. In den verbleibenden dreißig Lebensjahren hat Rawls verbissen und beharrlich daran gearbeitet, seine Theorie der Gerechtigkeit gegen Einwände zu verteidigen, Kritik aufzunehmen, die im Kern unveränderte Konzeption in wichtigen Punkten zu revidieren und - im letzten Jahrzehnt seines Lebens - zu einer Theorie des Völkerrechts und der globalen Gerechtigkeit zu erweitern.

Die Theorie der Gerechtigkeit, die zu Beginn der siebziger Jahre auf Deutsch erschien, löste eine wissenschaftliche Revolution aus. Sie reichte weit in die Vergangenheit zu Locke und Rousseau zurück, aber nur um den längst für tot erklärten Gedanken des Gesellschaftsvertrags in radikal neuer Gestalt wiederauferstehen zu lassen. Rawls entrümpelt den alten Kontraktualismus vollständig, die Theorie des Naturzustands wird spieltheoretisch reformuliert und eine Kantsche Theorie der Gerechtigkeit in den "Urzustand" der Gesellschaftsgründung eingeschmuggelt.

Verschiedene religiös-metaphysische Überzeugungen, so wollte es Rawls, sollen mit den Gerechtigkeitsprinzipien der Theorie und den Grundlagen der demokratischen Staatsverfassung eine für alle akzeptable Schnittmenge bilden.

War die Theorie des "deliberativen Gleichgewichts" noch daran interessiert, den konventionellen Gerechtigkeitssinn der Bürger auf das postkonventionelle Gerechtigkeitsniveau des Philosophen zu heben, so zielt die Theorie des "overlapping consensus" - zwar konservativ, aber auch weniger platonisch und demokratischer - auf die Vertiefung dessen, was an Gerechtigkeitsintuitionen im Volk schon vorhanden ist.