Der tropische Guss gleicht einem Schöpfungsakt. Schwere Tropfen klatschen auf die einstöckigen Häuser, die da liegen wie auf dem Schachbrett angeordnet. Nach dem Regen sieht Conakry neu aus, frisch, strahlend, bunt. Trotz Wellblechs, Müllbergen und aufgeplatzten Straßen leuchtet Guineas Hauptstadt. Die Palmen wedeln, der Himmel ist blau, leer und weit wie der Atlantik, der ausgelassen über die Ufer der Halbinsel schwappt.

Charlotte, die kleine Frau mit den Nachtvogelaugen, hat ein paar Tage frei bekommen. Ihr Arbeitgeber, das Tourismusministerium, befand, dass sich der Fremde in der Stadt allein nicht zurechtfinde. Charlotte solle ihm alles zeigen, die Orte, die sie Sehenswürdigkeiten nennt, die beiden 14-stöckigen Wolkenkratzer aus der französischen Kolonialzeit, den pilzbefallenen Präsidentenpalast, den alten Fischerhafen Boulbinet und die Moschee, die größte Schwarzafrikas, bezahlt von den Saudis. Und Camp Boiro? "Keine Sehenswürdigkeit", sagt Charlotte und fügt leise hinzu: "Früher wurden dort die pauvres gefoltert."

Früher – das war Guinea zur Zeit Sékou Tourés. Er regierte das Land zwischen dem Senegal und der Elfenbeinküste bis zu seinem Tod 1984. 26 Jahre lang, ein grausames Vierteljahrhundert. Die pauvres waren Dissidenten, echte oder solche, die man dafür hielt, Tausende von Guineern und Ausländern, die in diesem westafrikanischen Gulag gefoltert wurden und ihren Zorn, ihr Leid mit dem eigenen Blut an die Wände schrieben, bevor man sie hinrichtete. Heute zerfällt das Gefängnis, doch sein Name lässt die Guineer noch immer zusammenzucken. Einige glauben, dass es hinter den bewachten Mauern auch jetzt noch pauvres gibt, dass irgendwie noch immer "früher" ist. In Guinea ist Zeit ein vager Begriff.

"Früher ist heute vorbei", sagt Charlotte abwehrend. Ihr Vater, ein Kupferdreher, sei unter Touré zum hohen Staatsbeamten aufgestiegen, doch mit dem Ende des Regimes habe er alles verloren. Er lebe nicht mehr, sagt Charlotte tonlos. Die schlimmen Jahre, die die Anhänger Tourés nach dessen Tod durchmachen mussten, hätten sein Herz aussetzen lassen. Ein Arbeiterdrama, die kleinere Ausgabe von Tourés Tragödie, der als Postbeamter angefangen hatte und sich als herzkranker, von Verfolgungswahn gezeichneter Diktator und Massenmörder zur medizinischen Behandlung in den Westen ausfliegen ließ. Er starb auf einem amerikanischen Operationstisch.

In Conakry scheint alles Glück, Wonne und Ewigkeit zu sein

"Heute ist Guinea eine Präsidialdemokratie", sagt Charlotte, und sie kichert, als sie das ausspricht. Nach Tourés Tod übernahm die Armee unter Lansana Conté die Macht, und der General regiert bis heute. 1993 wurde er erstmals vom Volk gewählt, 1998 im Amt des Staatspräsidenten bestätigt. "Wahlbetrug" avancierte bald zu einem geläufigen Begriff im Vokabular der Guineer. Für die Wahlen im kommenden Jahr ließ Conté kurzerhand die Verfassung ändern, um sich eine dritte Kandidatur zu ermöglichen, was nach vorheriger Rechtslage nicht zulässig war. Oppositionelle landen im Gefängnis. Die Staatskasse ist leer, die privaten Konten der Regierungsclique dagegen schwellen stetig an.

Ein neues Land also, nach dem Regen. Die Touristen könnten jetzt kommen, sagt Charlotte aus dem Tourismusministerium. "Guinea ist eine Jungfrau, verstehen Sie, eine afrikanische Jungfrau." Tatsächlich hat sich das Land – touristisch gesehen – seine Unschuld bewahrt. Unter Diktator Touré war der Fremdenverkehr verboten. In den politischen Wirren nach seinem Tod machten Reisende einen weiten Bogen um Guinea. Noch vor kurzem wurde die Einreise durch komplizierte Visabestimmungen erschwert; man brauchte eine Empfehlung des Gastlandes, musste genau erklären, was man im Land wollte und wen man zu treffen gedachte. Jetzt öffnet sich das Land. Die Jungfrau soll unter die Haube.

Conakry, vor 100 Jahren noch ein Fischerdorf, entwickelte sich in der französischen Kolonialzeit zu einem bedeutenden Handelsplatz, und André Gide konnte über das Paris Afrikas noch schreiben: "Alles hier scheint Glück, Wonne, Ewigkeit." Nach dem Abzug der Franzosen 1958 verfiel die Stadt. Doch für Charlotte, die Tochter des Kupferdrehers und Staatsbeamten, hat das nie stattgefunden. Das Früher, eben noch vorbei, ist plötzlich wieder da, wieder lebendig. Wie viele Guineer jongliert Charlotte gern mit der Zeit. Sie schließt die Augen, und ein Strahlen geht über ihr Gesicht, während sie mit einem erregten Zittern in der Stimme längst verschwundene Sandstrände heraufbeschwört und auf pockennarbigen Uferpromenaden zum Flanieren einlädt. "Palmengesäumte Boulevards", sagt sie träumend. "Straßencafés, Nobelrestaurants."