Die bewunderte Sozialforscherin, Autorin und Sozialistin wuchs in einer großen Familie in sehr guten finanziellen Verhältnissen auf. Sie war die Zweitjüngste von neun Schwestern. Der Vater liebte seine Frau und seine Töchter abgöttisch.

Doch die Tochter war als Kind nicht glücklich. Die Mutter, schrieb sie, war von Männern erzogen und mit Männern aufgewachsen, und Frauen mochte sie nicht. Das Schicksal hat es gewollt, daß sie neun Töchter bekam und ihren einzigen Sohn verlor. Sie war zur >Gelehrten und Dame< erzogen worden

ihre Töchter weigerten sich, Bildung anzunehmen und trotzten den Konventionen ihrer Schicht. Es war nicht zu übersehen, daß sie überwiegend Abkömmlinge der hochgewachsenen dunklen Fau von jüdischem Aussehen waren, die Hebräisch las und Musik liebte - der Mutter meines Vaters ...

Das Kind blieb sich viel selbst überlassen, denn die Gouvernanten der Schwestern befanden sie noch zu jung zum Lernen. So lernte sie das Lesen allein. Sie begann schon sehr früh, ihre Eindrücke aufzuschreiben und bald auch Tagebuch zu führen. Das Beobachten wurde zum bestimmenden Faktor ihres Lebens.

Im Gegensatz zur Mutter war der Vater das Herz der Familie. Auf seinen Amerika-Reisen, als Direktor der Great Western Railway, nahm er stets zwei seiner Töchter mit. Sie war 15, als sie ihn mit ihrer Schwester Kate begleiten durfte, und als sie begann, regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Sie lernte Deutsch und Französisch und las englische, deutsche und französische Literatur im Original, wobei sie sich am meisten von Goethe angezogen fühlte.

Einige Jahre später beschäftigte sie sich mit sozialen Fragen. Sie begleitete eine ihrer Schwestern, die in Whitechapel als Mieteinnehmerin arbeitete, und verstand zum ersten Mal, was Armut bedeutet. Sie verdingte sich als Näherin in einer Fabrik, weil sie sich vor Ort informieren wollte. Und sie begann über ihre Beobachtungen zu schreiben. Zu der Zeit kamen sich Mutter und Tochter nahe und stellten fest, dass sie sich sehr ähnlich waren. Auch die Mutter hatte Schriftstellerin werden wollen.

Als sie 24 war, starb die Mutter. Ihr Tod, schrieb sie, eröffnete mir im Denken und Tun eine neue Welt ... und ihr Einfluß auf mich war viel größer als zu ihren Lebzeiten. Als sie noch lebte, kannten wir einander so wenig.