Alle Singles sagen, Familie sei ja so wichtig, und sie wünschten sich im Grunde nichts sehnlicher als ein Leben im Schoße derselben. Allerdings müssten Familien dann wie Day-Spas organisiert sein, das sind Fitness-Clubs mit Sauna, Schwimmbad und Restaurant, tarifpflichtige Körper- und Sozialparadiese, die nichts als Wellness bieten. Satt und Geduscht geht man abends nach Haus, und auch wenn dort wieder die Depression hockt, bietet die Einraumwohnung doch verlässlichen Schutz: vor allem vor der Familie, vor Sonntagsspaziergang, Kinderkrähen oder psychobabble. Nie sind in Deutschland mehr Ehen geschieden worden als in diesem Jahr, nie klangen die Bekenntnisse zum Familienglück entschlossener. "Familie ist da, wo Kinder sind", behauptet die SPD. In Wirklichkeit sind da, wo Kinder sind, immer seltener Familien.

Eine neue Familienpolitik galt lange als zentrales Reformvorhaben von Rot-Grün. Eine "familienorientierte Alltagskultur" stellt die SPD noch immer in Aussicht, die Grünen prägten das schöne Wort von der "Kinderpolitik". In ihrer ersten Amtszeit hat die rot-grüne Regierung ihre Stammwähler via Familienförderung belohnt, dreimal das Kindergeld erhöht, höhere Einkommensgrenzen für Ausbildungsförderung, Wohn- und Erziehungsgeld, höhere Grund-, Kinder- und Ausbildungsfreibeträge. Der staatliche Transfer beläuft sich auf etwa 50 Milliarden Euro pro Jahr. Dennoch stellen sich die Deutschen auf einen kargen und steinigen Weg ein, an dessen Ende womöglich eine veränderte Haltung zu den Leistungen und der Leistungsfähigkeit des Staates stehen wird - und ein unerwartetes neues Bild von der viel beschworenen Zivilgesellschaft. Hinter den Versprechen, Arbeitswelt und Familie zu versöhnen, mit Verkürzung der Arbeitszeit, flexiblen Arbeitszeitmodellen, mehr Telearbeit, Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit, längerem Erziehungsurlaub, noch mehr Kindergeld, besseren Schulen und endlich Einrichtungen zur Ganztagsbetreuung, steht nun ein Fragezeichen.

Was Schröder nie versprochen hat

Trotz 50 Milliarden: Das Ende des Daseinsvorsorgestaats wird die Familien treffen. Dass sie pro Kind bis zum 18. Lebensjahr mehr als 350 000 Euro aufwenden, wird materiell nicht ausgeglichen, und dass dieses ein kinderfreundliches Land wäre, wird auch niemand behaupten. Familienförderung war und ist mehr als bloße Unterstützug einer privaten Lebensform. Die Familie umreißt jenen Bereich der privaten Existenz, in den die bundesrepublikanische Politik - aus Verantwortung oder um eigener Zielsetzungen willen - tief hineinreichte, einen Bereich, der sich in besonderer Weise der paternalistischen Hege des Staates sicher sein konnte.

Aber diese Obhut kann nur aufrechterhalten werden, wenn eine bestimmte Konstellation aus wirtschaftlichem Wachstum, demografischer Entwicklung, Funktionstüchtigkeit der umlagenfinanzierten Sicherungssysteme und der gesellschaftlichen Werthaltungen besteht. Wo die Menschen die öffentlichen Kassen nicht mehr füllen, aus welchen Gründen auch immer, und dem Staat finanzielle Spielräume abhanden kommen, wird Paternalismus zu teuer. Umso eindringlicher wird er dann rhetorisch beschworen.

Hinter der Kritik an Gerhard Schröders Politik verbirgt sich ja nicht nur der Verdruss über Steuererhöhungen. Viele Junge, die ihn schon 1998 gewählt hatten, die heute mitten in der Karriere- und Erziehungsphase stecken, politisch im umfassenden Sinn liberal eingestellt sind und Marktwirtschaft nicht für eine Erfindung des Teufels halten, sind enttäuscht, weil "Reformpolitik" für sie etwas anderes hieß: Politik eines Staates, der rasch und wohlwollend auf neue soziale Phänomene und Bedürfnislagen reagiert und mit neuen gesellschaftlichen Handlungsträgern zusammenarbeitet. Das wäre eben nicht auf Neokorporatismus hinausgelaufen, sondern auf eine Politik, die versuchte, etwas mehr real existierende Gesellschaft im Staate zur Geltung kommen zu lassen.

Man muss Schröder immerhin zugute halten, dass er in dieser Hinsicht nie Versprechungen gemacht hat. Da waren viele Projektionen im Spiel. Sicher, Lebensgemeinschaften von Homosexuellen sind nun rechtlich besser gestellt, ansonsten glänzt die rot-grüne Ära durch gesellschaftspolitische Ideenlosigkeit. Gerade sie hat viele alte und neue Emanzipationshoffnungen zu Grabe getragen. Beispiel: Als Schröder im Juli 2001 das Gleichstellungsgesetz stoppte, war der Feminismus politisch erledigt. Schröders Familienpolitik orientiert sich an den Selbsterhaltungsinteressen des korporativen Sozialstaats - mehr Kinder und mehr Frauen in den Arbeitsprozess für sichere Renten.