Wann lernt man sie kennen? Und wie? Großmütter, die ihre Enkel am Küchenfeuer versammeln, um ihnen Geschichten zu erzählen, sind heute relativ rar. Das moderne Kind stößt auf die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (der erste Band erschien 1812, der zweite 1814), vermutlich in Form kleiner bunter Pixi-Bücher, die gern in Zahnarztwartezimmern ausliegen. Oder es sieht Walt Disneys Schneewittchen auf Video, jenen wunderbaren Zeichentrickfilm von 1937, mit der abgrundtief bösen Stiefmutter, in die sich nicht nur Woody Allen verliebt haben dürfte.

Rotkäppchen, der Wolf, die sieben Geißlein, Frau Holle, der Hase, der Igel, der Froschkönig, der gestiefelte Kater, Dornröschen, Aschenputtel, Rapunzel, Hänsel, Gretel, die Hexe und diverse missgünstige Feen bevölkern aber trotz der rückläufigen mündlichen Überlieferung unser kollektives Gedächtnis. Wahrscheinlich ist es sogar unmöglich, in dieser Gesellschaft aufzuwachsen, ohne irgendetwas von ihnen zu wissen. Märchenosmose?

Wer seinen Kindern noch vorliest (das sind freilich nicht die meisten), wird fast voraussetzungslos auch zu Grimms Märchen greifen. Die engagierten Diskussionen darüber, ob sie für Kinder zu grausam seien – man denke an das Ausbacken der Knusperhexe oder den Todestanz in glühenden Pantoffeln –, sind längst verstummt angesichts der handelsüblich-brutalen Ausstattung von Manga-Comics und Computerspielen. Und auch der feministisch-psychoanalytische Deutungsansatz, der überall Metaphern für Menstruation, Entjungferung und Vergewaltigung zu entdecken glaubte, hat sich in Diskurshöhlen tief in den Bergen zurückgezogen.

Was bleibt, sind alte Geschichten über grundsätzliche Dinge. Die Grimms haben sie stärker bearbeitet, als sie gern zugeben mochten. Sie hatten wohl auch weniger authentische Quellen, als man lange Zeit glaubte. Manche der über 200 gesammelten Überlieferungen lösten eigenartige Zirkelschlüsse aus: Grimm-inspirierte Folklore-Forscher brachten Stoffe beispielsweise aus Russland oder aus Ungarn mit, die direkt auf billige Übersetzungen der Originalfassung zurückgingen. In die jeweiligen nationalen Traditionen hatten sie sich wahrscheinlich deshalb so gut übernehmen lassen, weil sie sowieso aus einer großen gemeinsamen europäischen Erzähltradition stammten. Die widmete sich Fragen, die die Menschen immer interessiert haben und auch für Abiturienten im 21. Jahrhundert entscheidend bleiben: Wie hoch, zum Beispiel, soll man seine Ziele stecken, wie groß darf gesunder Ehrgeiz sein? Der Fischer hat das richtige Gefühl: Allzu viel soll man nicht wünschen, das könnte den zauberkräftigen Butt verdrießen. Doch des Fischers Frau ist maßlos: Ein Haus will sie, dann ein Schloss, Königin sein, Kaiserin, Päpstin – und schließlich sogar, wie Gott selbst, über den Lauf von Sonne und Mond gebieten. Kein Wunder, dass sie sich am Ende der Bubble-Economy in ihrem alten Pisspott wiederfindet.

Um Stress und Statusunsicherheit geht es in der Mär vom Hasen und vom Igel: "Der Igel stand vor seiner Tür, hatte die Arme verschränkt, guckte dabei in den Morgenwind und trällerte ein kleines Liedchen vor sich hin, so gut oder schlecht ein Igel am lieben Sonntagmorgen singen kann." Diese demonstrative Unbekümmertheit provoziert den Hasen, der, gebeutelt ohne Zweifel von den Sorgen um die Kohlernte, vorbeihastet und dann doch erst einmal klarstellen muss, wer die längeren Beine hat. Dreiundsiebzigmal rennt er zwischen dem Igel und dessen Frau hin und her, bis er tot zusammenbricht – zu schnell, um darüber nachzudenken, ob die beiden ihn vielleicht zum Narren halten.

Ein ewiges Problem wird auch in Schneewittchen verhandelt: Die Eifersucht der älteren Frau, der bösen (aber noch ganz ansehnlichen) Königin, auf ihre junge Stieftochter. Die mittlerweile 35-jährige Rezensentin spürt, wie sie von Jahr zu Jahr mehr mit der Stiefmutter fühlt und immer weniger Sympathien für den 17-jährigen, wahrscheinlich bauchnabelgepiercten "Hardbody" Schneewittchen mit seinem Zwergenharem aufbringt. Woraus man lernen kann: Märchen sind zeitlos. Sie bieten unbegrenzten Raum für die Betätigung der Fantasie. Und solange es Männer und Frauen gibt, Liebe, Beharrlichkeit, Treue, Gier, Eifersucht, Hass und effektive Verwünschungssehnsucht, werden die Menschen sie brauchen.

Ausgabe letzter Hand; Band 1, hrsg. von Heinz Rölleke; Reclam Verlag, Stuttgart 1980; 420 S., 8,60 ¤