Bezeichnet jemand ein Bilderbuch als "kindgemäß", will er damit die besondere Nähe der erzählten Geschichte zum Kind und dessen vermuteten Lesebedürfnissen ausdrücken. Auch bei Illustrationen taucht häufig der Ruf nach kindgemäßen Bildern auf, ohne dass freilich genaue Vereinbarung darüber bestünde, was denn damit gemeint ist. "Kindgemäß" ist ein Begriff der Erwachsenen, die damit eine bestimmte, am Kind orientierte Kinderliteratur einklagen, die sich an die Kategorien des Einfachen und Linearen hält. Den Verfechtern innovativer und zugleich kritischer Bilderbücher ist der Begriff freilich seit längerem suspekt, weil er eher mit traditionellen, rückwärtsgewandten Vorstellungen vom "guten Bilderbuch" belastet ist. "Kindgemäß" meinte allzu oft, ein Bilderbuch solle aus einer kleinen kuscheligen Geschichte und niedlichen, bunten Bildern bestehen.

Illustratoren leiden an sich selbst

Nun könnte es sein, dass wir das Wort wieder aus der Mottenkiste herausholen und es neu bewerten müssen – im Interesse der Kinder und der Kinderliteratur. Wer den Bilderbuchmarkt beobachtet, entdeckt eine Tendenz, Bilderbücher zu publizieren, die das Kind als Adressaten längst hinter sich gelassen haben. Keine Spur mehr von Linearität der Erzählung, keine Rede mehr von zusammenhängenden Bildern; stattdessen werden Konstruktion und Dekonstruktion von Texten und Bildern vorgeführt. Nicht mehr Einheitlichkeit des Stils und Geschlossenheit der Form sind ästhetische Merkmale, sondern, im Sinne postmoderner Entgrenzung, Nonlinearität der Erzählung und Brechung der Bildstile. Die Erzähler in diesen Büchern leiden an sich selbst und verrätseln ihre Geschichten, die Illustratoren verlieren ihre Bildsprache und machen sich auf die Suche nach den Scherben der Kulturgeschichte.

Ein erstes Beispiel: Jörg Müller, einer der Großen des Illustrationsgeschäftes, gerade 60 Jahre geworden, erzählt in seinem jüngsten Bilderbuch (Das Buch im Buch im Buch, 2001) von seinem Leben als Illustrator. Es ist die traurige Geschichte vom Zustand eines erfolgreichen Künstlers, der an sich selbst zweifelt. Wir entdecken den "Bilderbuchmaler" mitten im Labyrinth der optischen Täuschungen, verloren in den eigenen Bild-Ideen. Nur die kindliche Hauptfigur vermag ihn zu erlösen. Müllers Buch besticht durch eine raffinierte Rauminszenierung, durch die Umgestaltung des Buches in ein facettenreiches Spiegelkabinett – aber erzählt er noch eine Geschichte für Kinder? Ganz ähnlich die Ausgangslage bei Roberto Innocenti und Patrick Lewis (Das Hotel zur Sehnsucht, 2002). Der Ich-Erzähler sitzt trübsinnig an seinem Zeichentisch und hat seine Fantasie verloren. Er macht sich auf eine Reise durch die Kultur- und Literaturgeschichte. Der gebildete erwachsene Leser und Betrachter entdeckt mit Interesse viele bekannte Figuren, Motive und Genres: ein Hotel, entlegen und düster wie aus Hitchcocks Psycho, dann den einbeinigen John Silver aus Stevensons Schatzinsel, Kommissar Maigret, einen Westernhelden, Huckleberry Finn; auch Andersens Kleine Meerjungfrau erscheint als Zitat. So entwickelt sich die erzählte Geschichte aus Bruchstücken und Fragmenten, zwischen denen der Erzähler umherwandert und seine Identitätskrise durchlebt. Soll dieses Patchwork aus kulturellen Fragmenten eine Geschichte für Kinder sein? Ein drittes Beispiel: In David Wiesners Die drei Schweine (2002) wird dem Betrachter vor Augen geführt, dass Bilder nichts anderes als Konstruktionen sind, nur erdachte Gebilde, die wie ein Kartenhaus zusammenstürzen können. So ziehen die drei heimatlosen Schweine-Helden durch eine Bilderwelt, die keine Sicherheit mehr bietet. Auch die erzählte Geschichte erweist sich als Illusion, als Fake, denn am Ende landen die drei wieder dort, wo sie starteten.

Die Suche nach dem Kern

Waren vormals die ästhetischen und pädagogischen Grenzen um das Bilderbuch allzu eng gezogen, so sind sie in den genannten Beispielen radikal durchbrochen. Es scheint, dass sich die fortschrittliche These, wonach ein gutes Bilderbuch keinen Unterschied zwischen kindlichem und erwachsenem Adressaten kennt, in postmodernen Zeiten als fragwürdig erweist. Wenn Kinderliteratur den Kindern im Bilderbuchalter keine zusammenhängenden Geschichten mehr erzählt, sondern ihnen nur Scherben und Bruchstücke vorsetzt, wenn Bilder sich auflösen und zerfallen, stellt sich die Frage nach dem Kindgemäßen neu. Dann wird man genauer nachfragen müssen, unter welchen entwicklungspsychologischen Voraussetzungen Kinder Bilder und Texte wahrnehmen, erleben und verarbeiten. Um Missverständnisse zu vermeiden: Natürlich sollten Autoren und Illustratoren nicht nach kinderpsychologischem und pädagogischem Plan schreiben und illustrieren; wenn ihnen aber Texte und Bilder nur noch als Versatzstücke dienen, wenn alles mit allem vermengt wird, gerät das Bilderbuch zur Spielmasse, aus der sich jeder, Erwachsener wie Kind, auf seine Weise bedienen kann. Das mag amüsant und unterhaltsam sein; doch der Anspruch der Kinderliteratur, junge Leser und Betrachter an die symbolischen Formen literarischen Erzählens und bildnerischen Darstellens heranzuführen, bleibt so auf der Strecke. Dass Kinder in erzählten Geschichten nach einem Kern suchen, nach – ebenso ästhetisch – verlässlichen Aussagen, an denen sie sich abarbeiten können, sollte wieder in Erinnerung gerufen werden.

Literatur für Kinder ist nicht zu verwechseln mit Literatur für Erwachsene. Ein Missverständnis, das beiden Seiten schadet: den Kindern, die diese Konzepte nicht verstehen, und den Autoren und Illustratoren, die auf dem Buchmarkt falsch platziert sind. Bücher wie Das Hotel zur Sehnsucht gehören in die Abteilung "Illustrierter Roman" und nicht in die Bilderbuchecke. Der Buchmarkt braucht spannende, kreative und kritische Bilderbücher, aber sie müssen auch für Kinder geschrieben und gezeichnet und somit im positiven Sinne kindgemäß sein. Der ungeliebte Begriff kehrt zurück.