Die Deutschen haben einen neuen Sport entdeckt: Bahn-Bashing. Von allen Seiten prasseln Schläge auf die Bahn nieder, als ob sich ein Volk frustrierter Zugfahrer abreagieren wollte. Seitdem die Deutsche Bahn AG ihr künftiges Preissystem vorgestellt hat, heißt es landauf, landab und auf allen Kanälen, Zugfahren werde unverschämt teuer, dann lieber mit dem Auto. Die Bahn habe doch versprochen, dass nach der Reform niemand mehr zahlen müsse als vor der Reform. Und von wegen "Lichtung des Tarifdschungels": Einsteins Relativitätstheorie, so war zu lesen, sei ein Kinderspiel im Vergleich zu dem ab 15. Dezember gültigen Preissystem.

Zunächst einmal: Die Bahn macht im Grundsatz etwas Vernünftiges. Sie versucht, mit gezielten Rabatten alte Kunden zu halten und neue zu gewinnen. Zudem will sie über die Preisgestaltung ihre Kapazitäten gleichmäßiger auslasten. Das Angebot von Billigplätzen in überfüllten Wochenendzügen wird begrenzt, in leereren Zügen dagegen findet jeder Fahrgast einen verbilligten Transport. Normalpreis für knappe Plätze, Billigpreis bei freien Kapazitäten in wenig verkehrsreichen Zeiten – was ist das anderes als praktizierte Marktwirtschaft?

Zu keinem Zeitpunkt hat die Bahn versprochen, dass Zugfahren in jedem Fall billiger wird. Auch wenn nun offenbar die halbe Nation nach Konstellationen sucht, in denen sich das Bahnticket tatsächlich verteuert: Für Millionen Menschen wird Bahnfahren günstiger, die Werbung der Bahn stimmt. Voraussetzung ist allerdings, dass ihre Kunden es verstehen, die angebotenen Anreize zu nutzen – vor allem, indem sie früh buchen. Alle Welt spricht vom selbstbestimmten Konsumenten: Hier kann er wählen.

Allerdings, manches stimmt nicht am neuen Preiskonzept. Die hohen Umtauschgebühren mögen rational zu erklären sein, werden aber im konkreten Fall zur Bestrafung. Bei Frühbuchung noch Geld für die Platzreservierung zu verlangen ist eine weitere Zumutung. Die Umwidmung (sprich: Verteuerung) der Interregios in Intercity-Züge wird vielfach als fauler Trick empfunden – zu Recht. Und wenn der Computer für die Verbindung zwischen zwei Städten zehn verschiedene Preise ausspuckt, kann es mit der viel beschworenen Lichtung des Tarifdschungels nicht weit her sein.

Doch das sind kleine Mängel einer größeren Reform: Die Bahn verhält sich wie ein Unternehmen, das mit anderen Verkehrsträgern konkurriert. Immer noch fahren zu viele leere Züge durchs Land, was gerne kritisiert wird. Nun unternimmt die Bahn etwas dagegen – und erntet Zorn.

Die alte Bundesbahn ist tot, endlich. Viele Bahnkritiker haben das noch nicht realisiert. Sie sprechen von sozialen Verpflichtungen, obwohl diese Bahnzeiten vorbei sind. Anna Brunotte, die Frau hinter dem neuen Preissystem, hat den zentralen Satz gesagt: "Entschieden wird am Schalter." Und genau dorthin gehört die Entscheidung auch.