Alles geht viel schneller voran als gedacht. Seitdem das türkische Parlament im August die Todesstrafe abgeschafft und mehr Rechte für Minderheiten eingeführt hat, erscheint der Beitritt der Türkei zur EU nicht mehr in so weiter Ferne, wie viele vor kurzem noch dachten. Dies mag einer der Gründe dafür sein, dass der Schritt von der Theorie - Gewährung des Kandidatenstatus auf dem EU-Gipfel in Helsinki 1999 - zur Praxis - Festlegung eines Datums für den Beginn von Beitrittsverhandlungen - sich als so schwierig erweist. Die Öffentlichkeit diskutiert heute jene grundsätzlichen Fragen, die eigentlich seit dem Assoziierungsabkommen 1963, spätestens aber seit 1999 beantwortet schienen. Offenbar hat niemand an den Beitritt der Türkei geglaubt. Anders ist nicht zu erklären, warum die keineswegs neue Debatte um die Zugehörigkeit der Türkei zu Europa oder zum "europäischen Kulturraum" erneut heftig auflodert.

Dabei greifen viele auf Geschichte, Geografie und Religion zurück, anstatt auf die tatsächlichen Beziehungen in Zeiten der Globalisierung zu schauen.

Doch in dieser Hinsicht ist die Türkei längst in Europa angekommen.

In der EU leben 3,6 Millionen türkischstämmige Menschen. Entgegen allen Behauptungen, dass sie nicht bereit zur Integration seien, besitzen mehr und mehr die Staatsangehörigkeit des jeweiligen EU-Landes. Momentan gilt dies für 1,1 Millionen Eingebürgerte. In Deutschland allein haben 2,6 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln eine Heimat gefunden. Da die Einbürgerung durch die Bundesregierung 2000 erheblich erleichtert wurde, könnte die Zahl der türkischstämmigen EU-Bürger in den nächsten Jahren schnell auf rund 2 Millionen anwachsen. In den EU-Staaten leben inzwischen 13 Millionen Muslime.

Der Islam ist keine außereuropäische Religion, dies zeigt eben nicht nur ein Blick auf den Balkan.

Die Türkei ihrerseits ist durch internationale Verträge fest im westlichen Staatensystem verankert. Seit 1996 besteht eine Zollunion mit der EU. In der Folge ist die Türkei zu einem der wichtigsten EU-Handelspartner geworden. Als Nato-Mitglied spielt sie eine wichtige Rolle in einer unruhigen Region - ohne dass ihre geopolitische Lage als Argument gegen die Nato-Mitgliedschaft herangezogen würde. Im Gegenteil.

Im Innern steht die Türkei Europa näher, als die noch bestehenden Defizite im Menschenrechts- und Minderheitenschutz denken lassen. Das Land hat eine klare europäische Orientierung: Sein Rechtssystem ist nach dem Vorbild des Schweizer Zivilrechts und des deutschen Handelsrechts aufgebaut.