Entgegen dem Vorurteil war der Büroalltag des Versicherungsbeamten und Teilzeitschriftstellers Dr. Franz Kafka bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt in Prag zeitlich keineswegs präzise und literaturfreundlich abgezirkelt, sondern im Gegenteil ausufernd wie der jedes leitenden Angestellten. Verabredungen konnte Kafka nur locker treffen, viele musste er absagen. So schrieb er vorsorglich an Max Brod, mit dem er zu einem Empfang beim gemeinsamen Freund Oskar Baum geladen war: "... wenn ich mich aus meinem Zeug herausgearbeitet habe, tue ich Donnerstag nichts lieber als hingehn. (...) Denn was ich zu tun habe! In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen - von meinen übrigen Arbeiten abgesehen - wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus, was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppen werfen." Litt Kafka unter seinem Brotberuf? Sein Posten sei ihm unerträglich, bekannte er 1913

andererseits konnte er auch stolz auf seine Erfolge im "Bureau" verweisen.

Eine Ausstellung im Schiller-Nationalmuseum zu Marbach, die unter dem Titel Kafkas Fabriken gezeigt wird, geht der Frage nach, wie Kafkas literarisches Werk von seiner Arbeit als Versicherungsexperte für betriebliche Arbeitsrisiken und Unfallverhütung geprägt war. Sie kommt - wenig überraschend - zum Ergebnis, dass Kafkas Alltagserfahrungen tatsächlich Eingang in seine Erzählungen und Romane gefunden haben: nicht nur die ins Absurde spielenden administrativen Rituale und Hypertrophien jenes Apparats, in den er eingebunden war, sondern eben auch das katastrophische Terrain der nordböhmischen Fabriken und Steinbrüche, deren Sicherheitsmängel er zu inspizieren und in "Schadensklassen" einzuordnen hatte.

Wie immer in Marbach ist das Thema in kleine Vitrinen sortiert. Erstausgaben, Briefe, Billetts, Tabellen, Fotos, Postkarten, Bürogerätschaften, Visitenkarten, Broschüren und Handbücher zur Arbeitssicherheit (mit Beiträgen von Kafka) schaffen einen Bezug zwischen Assekuranzgeschäften und Textstellen aus Kafkas literarischem Werk. Einen neuen Akzent in der Marbacher Ausstellungskultur setzen einige profane Gegenstände, welche den üblichen Rahmen der Vitrinenschauen deutlich sprengen: Fahr- und Motorräder, ein Sicherheitsholzhobel, Schilder aus Fabrikhallen, zeitgenössische Werbe- und Lehrfilme aus der Industrie. Kafka erscheint hier unversehens als Technik-Freak - obwohl er zum Beispiel höchst ungern telefonierte.

Insgesamt ist das von Klaus Wagenbach inspirierte Projekt etwas zu stark geprägt von der Suche nach "Stellen" in Kafkas Werk, in denen die Risikostatistik des fleißigen "Concipisten" K. dem Schriftsteller gewissermaßen das Wort aus der Hand nimmt. Deutlich wird dieser enge Ansatz in den begleitenden Texten des 100. Marbacher Magazins, das allerdings auf dem Einbandkarton mit einer Pointe aufwartet. Er zeigt eine Ansicht von Friedland, wohin der Dichter 1911 reiste. Wallensteins Stammsitz oben am Berg wird umgedeutet zum Vorbild für Kafkas Schloß. Zieht der Leser an einer roten Lasche am Buchrücken, erscheint der eigentliche Grund des Besuchs: die Feintuchweberei von Wilhelm Siegmund - eben eine von Kafkas Fabriken.

Bis zum 6. Februar 2003

Katalog 9,- e