Die Enthüllungsjournalisten des Magazins "Playboy" sollen der Filmgöttin Sophia Loren ein Angebot gemacht haben, das diese, zumindest bisher, noch widerstehlich fand. Dem Ethikrat jedoch lässt die Vision einer nackten Sophia keine Ruhe. Sonst ganz und gar der Aufklärung verpflichtet, möchte er sich dieses eine Mal für eine Verschleierung der Tatsachen aussprechen.

Nackt oder nicht nackt – das ist hier die Frage. Selten hat sich der Ethikrat seine Empfehlung so schwer gemacht. Noch seltener hat sie ihn in solche Konflikte gestürzt: zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden, Neigung und Pflicht, Herz und Kopf, ist er doch selbst sozusagen hautnah von diesem Casus berührt. Sollte er da nicht besser gleich seinen Rat an sich selbst richten?

Wie Männer in aller Welt liebt der Ethikrat – Sophia. Diesmal aber nicht nur als als Philosoph, also als Freund der Weisheit, wie es ihm die Etymologie seines Berufs nahe legt, sondern als Bewunderer von Sofia Scicolone Loren, wie der stets sublimationsförderliche Brockhaus sie nennt. Seit der Ethikrat vor langen Jahren, es war wohl noch in seiner hitzigeren Jugend, die ersten Fotos von ihr sah, ist er der vermutlich Anhänglichste ihrer Verehrer. Mütterlich und sinnlich, von einem geradezu vesuvianischen Temperament, war sie für ihn seit je die Inkarnation des Weibes. Und wenn, wie noch auf den Fotos, die der Ethikrat letzthin gesehen hat, ihr so üppiger wie schöner Busen ans Licht des Tages drängte – o, wie schlug ihm da das Herz in der Brust, von anderem ganz zu schweigen! Wie wünschte er sich in ihre Nähe, wie sehnte er sich nach den Verheißungen von Sofies Welt . Nun aber, wo Sophia die ganze Schönheit ihres Leibes ihm wie allen Männern offenbaren, wie sie von der bedingt heiligen, der Hagia Sophia, vollends zur Gymno-Sophia werden soll, da hat ihn des Gedankens Blässe ereilt, und er zaudert. Doch warum?

Es ist keine Frage des Geldes. Die bisher kläglichen Angebote hat Sophia völlig zu Recht abgelehnt. Sie sollte jeden Preis verlangen dürfen, wie auch der Ethikrat willens wäre, so ziemlich jeden Magazinpreis zu zahlen. Noch viel weniger ist es eine Frage des Alters oder der womöglich geschrumpften Lust. Bei Sophia! Welches Fest wäre es, die ewig jugendfrische 69-Jährige endlich einmal unverhüllt zu sehen, auch wenn Disziplin und Arbeitswille darunter litten. Nur zu sehr ist der Ethikrat versucht, ihr das Ja-Wort zu den Avancen des Playboys zu empfehlen.

Nein, es ist die riskante Verbindung von Nacktheit und Wahrheit, die ihn zaudern lässt. Einer unserer klassischen Dichter hat die zugehörige Geschichte in einer Ballade erzählt: Das verschleierte Bild zu Sais. Ein Jüngling, den der "heiße Durst", in diesem Fall der Wissensdurst, nach Ägypten treibt, begegnet dem verschleierkten Bild der Isis, der großen Mutter. Doch er will die ganze Wahrheit sehen. "›Was hab’ ich, wenn ich nicht alles habe?‹ sprach der Jüngling." Und als er wider das ausdrückliche Verbot den Schleier nächtens hebt, findet man ihn am Morgen "besinnungslos und bleich" am Fuß des Bildes. Bald darauf stirbt er. Und die Moral von der Geschichte? Nackt wolle der Mensch die Wahrheit nicht! Besser, wenn er sie nicht unmittelbar zu Gesicht bekommt. Warum, das lässt der Dichter offen.

Dem Ethikrat will es scheinen, dass jene Sophia, um die es ihm hier geht, gut daran täte, ihr Bild nicht zu entschleiern. Nicht, weil ihr Bild etwa darunter leiden könnte. Sondern weil ein Rest von Verhülltheit bleiben muss, wenn Sophia sich weiterhin der Philo-Sophia erfreuen will und die Philo-Sophen ihrem Namen wie ihrer Göttin treu bleiben sollen. Denn erfüllte Wünsche sind auch das Ende der Wünsche, erreichte Ziele keine Ziele mehr.