Die Bedeutung der Philosophen, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, bemisst sich nicht zuletzt an dem Beitrag, den sie zur moralischen Zivilisierung der von Totalitarismus und Barbarei geprägten Epoche geleistet haben. Unter den Autoren, die in dieser Hinsicht ins Auge fallen, sticht John Rawls in einzigartiger Weise hervor. So bescheiden und zurückhaltend, wie er als Person gewirkt hat, so unauffällig und wenig spektakulär kommt zunächst auch das Werk daher, mit dem er die politische Philosophie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verändert, ja revolutioniert hat.

Nach dem Studium in Princeton und an der Cornell University, nach umfangreichen Lehrjahren, die ihn auch nach Oxford verschlagen, nach Jahrzehnten des intensiven Studiums der klassischen und modernen Moralphilosophie, nach einigen Vorstudien und wenig bekannt gewordenen Aufsätzen publiziert der Professor der Harvard University 1971 ein Buch, das mit einem Schlag den gedanklichen Horizont des politischen Denkens verändert schon heute lässt sich sagen, dass A Theory of Justice in derselben Weise ein klassisches Werk der politischen Philosophie darstellt, wie es im inoffiziellen Kanon der Leviathan von Hobbes oder der Gesellschaftsvertrag von Rousseau repräsentieren.

Mit diesen wegweisenden Büchern teilt die Studie von Rawls die Orientierung an der Frage, unter welchen Bedingungen eine gesellschaftliche und politische Ordnung aus der Sicht ihrer Bürger und Bürgerinnen als gerechtfertigt gelten kann: aber erst die besondere Wendung, mit der Rawls die klassische Frage in kühner Erneuerung der Kantischen Autonomievorstellung beantwortet, verschafft ihm die Sonderrolle, die er im politischen Denken der Gegenwart einnimmt. Rawls versöhnt die angelsächsische Tradition des politischen Liberalismus mit der Erbmasse des sozialdemokratischen Egalitarismus, wenn er in seinem Buch die Konturen eines fiktiven Gesellschaftsvertrages umreißt, in dem die Bürger und Bürgerinnen eine gesellschaftliche Grundstruktur nur dann als gerecht akzeptieren können, wenn diese den Prinzipien der strikten Gleichverteilung von Freiheitsrechten und der Rechtfertigungsbedürftigkeit der Ungleichverteilung sozialer Güter gegenüber den sozi al Schlechtestgestelltesten verpflichtet ist.

Was in der angelsächsischen Welt sich schnell als eine philosophische Überwindung des bis dahin vorherrschenden Utilitarismus entpuppte, musste in den Ländern des vom Liberalismus nur schwach geprägten europäischen Kontinents allerdings wie eine nur kaum verständliche Herausforderung wirken. Es ist im Nachhinein kaum mehr recht vorzustellen, auf wie viele Rezeptionsbarrieren und Verständnisschwierigkeiten der Rawlssche Grundsatz in einer politischen Kultur hat stoßen müssen, die gewohnt war, um ihr Selbstverständnis im normativen Rahmen der konfliktreichen Entgegensetzung von Freiheit und Gleichheit zu ringen.

In den siebziger Jahren, als die Theorie der Gerechtigkeit auf Deutsch erschien, war kaum eine intellektuelle Seite auf die Rehabilitierung einer systematischen, moralisch argumentierenden Philosophie der Politik vorbereitet die Linke hatte sich in der Tradition des Marxismus weitgehend mit einer funktionalistischen Analyse des Staates begnügt, sodass die egalitären Zielsetzungen der sozialdemokratischen Tradition normativ nicht artikuliert werden konnten, während das eher konservativ gestimmte Lager dem hermeneutischen Geschäft einer Auslegung der klassischen Politikbegriffe nachging, ohne Anschluss an die politischen Auseinandersetzungen der Zeit finden zu können. In diesem zutiefst gespaltenen Milieu konnte der Ansatz von Rawls, trotz aller Rezeptionsbemühungen etwa von Otfried Höffe, keine produktiven Wirkungen entfalten der politische Liberalismus, gepaart zumal mit einem sozialen Egalitarismus, konnte in der intellektuellen Kultur der Bundesrepublik über viele Jahre keine Wurzeln schlagen.

Das alles hat sich erst mit einer jüngeren Generation grundsätzlich geändert, die von den theoretischen Entzweiungen der Alten nichts wissen wollte und auf der Suche nach normativen Quellen für ihre demokratischen und egalitären Ideale das angelsächsische Gedankengut mit Neugier aufnahm heute steht das Werk von Rawls auch hierzulande als eine kolossale Herausforderung dar, dessen normative Stringenz, dessen behutsame, auf Nachvollziehbarkeit bedachte Argumentationsweise, dessen Ideenreichtum bei gleichzeitiger Penibilität ohne Vergleich in der politischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts sein dürften. Dabei wird erst in jüngster Zeit, nach der Veröffentlichung seiner bahnbrechenden Vorlesungen zur Geschichte der Moralphilosophie, vollends klar, wie sehr dieser Philosoph sich als ein intellektueller Zwerg auf den Schultern von Riesen empfunden hat.