Aus dem Wrack der Prestige sind bislang etwa 20000 Tonnen Öl ausgetreten. Trotz der Bilder von toten Seevögeln und zerstörten Muschelbänken sind die Auswirkungen von Ölkatastrophen auf die Umwelt jedoch verschieden. Verschmutzungen im Wattenmeer oder einem Korallenriff sind folgenreicher als solche vor Brandungsküsten. Wasser- und Lufttemperatur sowie der Wellengang entscheiden über Verteilung und Giftigkeit des Öls.

"Starker Wellengang verändert den Ölteppich schon auf See und sorgt so für eine größere Angriffsfläche für ölabbauende Bakterien", sagt Thomas Höpner, Professor für Biochemie an der Universität Oldenburg. Er untersucht seit zehn Jahren die saudi-arabische Küste. Zum Ende des Golfkriegs 1991 leitete der Irak vermutlich mehr als eine Million Tonnen Öl in den Persischen Golf. "Das Öl auf der offenen See war damals nach drei bis vier Monaten verschwunden, der größte Teil verdunstet", sagt Höpner. "Aber das Öl am Strand ist auf gut 600 Kilometer noch immer vorhanden. Sonneneinstrahlung und hohe Temperaturen hatten es zu einer dicken Masse verfestigt. Dieser asphaltierte Strand wird nur extrem langsam zersetzt."

Die Kraft der Wellen spielte auch bei der Strandung der Braer 1993 vor den Shetland-Inseln eine wichtige Rolle. Obwohl das Schiff knapp 85000 Tonnen Rohöl verlor, sorgten Winterstürme für eine schnelle Verteilung des Öls. Zumeist schwimmt es obenauf, seine Dichte liegt knapp unter dem Wert eins für Wasser. Die 20000 Tonnen Rohöl der Prestige breiteten sich zu einem Teppich von der fast dreifachen Fläche des Saarlands aus.

Mehrere Prozesse wirken dabei auf diesen Ölfilm ein. Die flüchtigen Bestandteile, etwa ein Prozent, lösen sich in kürzester Zeit auf. Ein weiterer Teil verdunstet in den nächsten Tagen. Der wichtigste Prozess beim Abbau des Ölfilms aber ist die Dispersion. Bedingt durch die Wasserbewegung, wird das Öl immer mehr unter die Oberfläche getrieben, die Tröpfchen spalten sich in immer kleinere auf, Millionen schwarzer Perlen werden zu einer dicken Wasser-Öl-Mischung. Dieser Ölschaum, die so genannte Mousse, ist es, der häufig an die Küsten gespült wird.

Gleichzeitig reduziert sich mit Verwitterung und Verdunstung die Dichte des Öls, es wird zäher und schwerer. Teile verklumpen zu Teerballen und treiben an der Oberfläche oder in tieferen Wasserschichten monatelang durch den Ozean. Parallel dazu arbeiten sich nach den ersten Tagen Bakterien in die ölige Suppe vor. Bei guter Sauerstoffversorgung wandeln Nocardia, Corynebacterium, Pseudomonas und A cinetobacter- Arten Kohlenwasserstoffe in Biomasse und Kohlendioxid um.

Ölabbauende Bakterien finden sich nicht nur seit dem Beginn der Verschmutzung durch Menschen im Ozean. Meeresforscher entdeckten sie im Eis, in der Tiefsee, an alten Walknochen und in natürlichen Quellen tief im Meer . "Erdöl und Erdgas entstehen ja durch bakterielle Prozesse in den tieferen Erdschichten und im Meeresboden und werden als natürliche Nahrungsquelle genutzt", sagt Antje Boetius vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen. Die Umwandlung der Kohlenwasserstoffe findet dabei auch unter anaeroben Bedingungen statt, weil der Sauerstoff am Meeresgrund schnell aufgebraucht ist. "Archaeen, Urbakterien, und andere Gruppen sind in der Lage, den Sauerstoff aus Meeressalzen wie dem Sulfat zu gewinnen", fanden die Forscher heraus. Im Tiefseeboden läuft der Prozess zwar langsamer als an der Oberfläche, aber auch dort wird Öl abgebaut.

Noch ist nicht geklärt, wie das Wrack der Prestige in 3600 Meter Tiefe aufgetroffen ist. "Aber die Konstruktion der Stahltanks ist bestimmt nicht für 360 Atmosphären Druck ausgelegt", sagt Tiefseebiologe Hjalmar Thiel. Bei Temperaturen um zwei Grad und dem enormen Druck wird sich das übrige Öl vermutlich in flüssigen Asphalt verwandelt haben. "Und das wäre", sagt er, "eine Beeinträchtigung über Hunderte von Jahren."