Selten hat man Unternehmer so oft über Umweltschutz und soziale Verantwortung reden hören. Kaum ein Monat vergeht derzeit ohne eine Konferenz, einen Workshop oder eine Veranstaltung zum Thema Nachhaltigkeit. Doch nicht jeder Wirtschaftsvertreter hat sich mit dem sperrigen Begriff schon angefreundet. „Nachhaltigkeit“, sinnierte der VW-Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder in diesem Jahr auf einem politischen Workshop zum Thema in Berlin, „Nachhaltigkeit ist – obwohl fast inflationär gebraucht – ein interpretationsbedürftiger Begriff.“

Die Vokabel hat sich als Übersetzung des englischen Zungenbrechers sustainability etabliert, der seit der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 zum festen Bestandteil weltpolitischer Diskussionen geworden ist. Die Teilnehmer der Konferenz hatten das Konzept des su stainable development zur globalen Vision erhoben. Dabei geht es um mehr als nur um Umweltschutz und Entwicklungshilfe. Politik und Wirtschaft sollen künftig nach anderen Grundsätzen handeln. Statt den schnellen Gewinn zu suchen, sollen die natürlichen und sozialen Ressourcen so bewirtschaftet werden, dass sie auch künftigen Generationen noch zur Verfügung stehen.

Wer nach dem Ursprung des Wortes Nachhaltigkeit sucht, stellt fest, dass das ganze Konzept des sustainable development keine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist. Bisher hat noch jede Kultur die Erfahrung gemacht, dass Raubbau unweigerlich in den Ruin führt. Aus dem deutschsprachigen Raum ist schon seit dem 13. Jahrhundert überliefert, wie das Abholzen der Wälder für Handwerk und Energiebedarf regional immer wieder zu Wirtschaftskrisen führte. Die Holznot zwang Menschen und Wirtschaft zum Auswandern und ließ Armut zurück. In der umfangreichen zeitgenössischen Literatur, wie solche Krisen zu vermeiden seien, benutzte der sächsische Oberberghauptmann Hannß Carl von Carlowitz 1713 erstmals das Wort nachhaltend für eine Wirtschaftsweise, die nur so viel Holz einschlägt, wie zur gleichen Zeit aufgeforstet wird. Selbst das Ziel der UN-Konferenz von Rio nahm Carlowitz in seinem Buch Sylvicultura Oeconomica schon vorweg: Man solle beim Wirtschaften „nachdencken, wie die Nachfahren fortkommen wollen“.

In die moderne weltpolitische Diskussion wurde die Idee 274 Jahre später durch den Abschlussbericht der World Commission on Environment and Development gebracht. Der so genannte Brundtland-Bericht räumte erstmals in einem offiziellen Dokument mit einem verbreiteten Vorurteil auf: dass nämlich der Umweltschutz ein Hemmschuh für die Überwindung der Armut auf der Welt sei. Eine zukunftsfähige Entwicklung, so der Bericht, sei im Gegenteil nur erreichbar, wenn sie auf Raubbau von Ressourcen verzichtet, eben „nachhaltig“ angelegt ist.

Zehn Jahre nach Rio hat nun auch die Wirtschaft den Begriff für sich entdeckt. Dabei sind Zweifel erlaubt, ob die inflationären Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit immer das aufwändige Papier wert sind, auf dem Nachhaltigkeitsberichte gedruckt werden. Das Verhältnis von Konzernvorständen zur Nachhaltigkeitsdebatte ist naturgemäß ein instrumentelles. Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit heben das Unternehmensimage. Ihre praktische Umsetzung aber kollidiert oft zumindest mit kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Zielen.

Da ist hilfreich, dass das komplexe Konzept des sustainable development erhebliche Definitionsspielräume offen lässt. So betonen Redner aus der Wirtschaft gern den Aspekt wirtschaftlicher Nachhaltigkeit, der neben ökologischer Ressourceneffizienz und sozialer Verantwortung die Nachhaltigkeit doch erst komplett mache. Nun ist es sicherlich wirtschaftlich nachhaltig, wenn ein Ölkonzern Strategien entwickelt, mehr Öl zu verkaufen. Ökologisch nachhaltig ist es gerade nicht. Doch das wachsende Interesse der Finanzmärkte an nachhaltiger Unternehmenspolitik stärkt den Umweltbeauftragten den Rücken. Die Platzierung in Nachhaltigkeitsindizes dient zunehmend als Argument, um innerbetriebliche Widerstände gegen Reformen auszuhebeln.

Eva-Maria Thoms