In Europas größtem Plattenbauviertel Berlin-Marzahn-Hellersdorf gibt es 100 000 Wohnungen, 10 000 stehen leer. Bald werden es 300 weniger sein. Seit letzter Woche steht ein Bauzaun um das Haus in der Marchwitzastraße 1-3, dahinter beginnt der selektive Rückbau des 18 und 21 Stockwerke hohen Doppelhochhauses. Selektiver Rückbau ist eine Umschreibung für Abriss: Wand und Deckenplatten werden nach und nach demontiert.

Fallen demnächst auch andere Geisterhäuser? Vielleicht der Turm mit dem Glasaufsatz auf dem Gelände der ehemaligen Glühlampenfabrik an der Warschauer Straße (von wo Multimedia-Agenturen die Welt erobern wollten und heute schon um halb sechs nur noch in einem einzigen Stockwerk Licht brennt)? Ach, könnte das Haus seufzen, so viel Zukunft sollte hier stattfinden. Heute stehen die renovierten Ruinen leer. Sind, frisch sandgestrahlt, in Dornröschenschlaf gefallen. Und träumen von einer neuen Neuen Ökonomie.

Brauchen wir vielleicht neue Symbolruinen für unser angeblich ach so ruiniertes Land, das sich einen selektiven Rückbau - finanziert aus dem Programm Stadtumbau Ost - noch eine Million Euro kosten lässt? Könnten in den leeren Plattenbauten nicht Mehlschwalben nisten wie in dem berühmten Mehlschwalbenhaus, das aus diesem Grund jahrelang nicht abgerissen werden durfte? Ist eine gut gepflegte, später innen ausbaubare Ruine nicht eine Zukunftsinvestition voller vielversprechender Erinnerungsrendite? Klingt Rückbau nicht nach Schwellenreißerei? Und ist Tacheles, die so genannte Kunstruine, nicht längst das Heidelberger Schloss der Oranienburger Straße?

Was hätte statt des Gedächtniskirchenstumpfes auf all den Westberliner Ansichtskarten abgebildet sein sollen?

Freuen Sie sich über gut gepflegte Ruinen, zum Beispiel die eben erst wieder von ihrem Gerüst befreite Portikusruine des Anhalter Bahnhofs, die noch immer an den Krieg und den vorschnellen Abriss der Bahnhofshalle erinnern darf?

Freuen Sie sich, dass die entkernte, asbestbefreite Rohbauruine des Palastes der Republik - des Hauses, vor dessen Symbolkraft Politiker solche Angst hatten, dass sie es in zwölfjährigen Sanierungsschlaf versetzten - demnächst in den Zirkel der nützlichen Ruinen zurückkehren kann?

Vielleicht brauchte es ja nur einen Caspar David Friedrich der Plattenbauten oder die Fotografien, die Max Baumann vom Rückbau in Schwedt an der Oder gemacht hat, um auch den Anwohnern der Marchwitzastraße den Anblick eines verfallenden Plattenbauturms schmackhaft zu machen. Der eine oder andere könnte doch malerisch verfallen - und Gefühle produzieren, wie sie sonst nur der künstliche Ruinenberg von Sanssouci zu erzeugen vermag.