So viel Bildung war selten. Die Pisa-Studie hat den Langweiler Schule in einen Aufreger verwandelt und Bildung wieder zum Hauptfach der Politik gemacht. In keinem Land der Welt fand der internationale Schülervergleich ein so lautes Echo wie in Deutschland. Das Zeugnis für unsere Schulen war verheerend. Fragt man ein Jahr später aber nach den Veränderungen, fällt die Bilanz trübe aus. Die wichtigste Frage bleibt ohne Antwort: Wie werden wir den zweifelhaften Ehrentitel los, Weltmeister in der Disziplin "Ungerechtigkeit" zu sein? Deutschland ähnelt einem Schüler, der knapp am Sitzenbleiben vorbeigeschrammt ist und nun meint, mit etwas Nachhilfe hätte er das Abitur bereits in der Tasche.

Das schlechte Abschneiden der 15-Jährigen beim Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften schockierte alle in diesem Land. Eigene Verantwortung für die Misere übernahmen nur wenige. Wie viele Städte haben ihre Schulleiter zusammengetrommelt und beratschlagt, was sich in ihren Schulen schnell ändern muss? Welcher Lehrerverband hat gefordert, dass deutsche Pädagogen wie in anderen Ländern den ganzen Tag in der Schule verweilen? Wo waren die Eingeständnisse sozialdemokratischer Schulpolitiker, dass man Leistung vernachlässigt habe? Und welcher Konservative fragte sich öffentlich, ob das dreigliedrige Schulsystem tatsächlich der Schulweisheit letzter Schluss sei?

Die Schulen diskutierten die Pisa-Ergebnisse ausgiebig. Doch oft nur auf dem Flur statt in der Lehrerkonferenz.

Durchlässig nur nach unten

Richtig lernunwillig erweist sich unser Land angesichts des größten Versagens seines Schulsystems, für Chancengleichheit zu sorgen. Zur Erinnerung: Für den Professorensohn ist es dreimal so leicht, auf das Gymnasium zu kommen, wie für ein Arbeiterkind mit gleichen Fähigkeiten.

Subtile Mechanismen verstärken das Handikap der Herkunft, anstatt es wie in anderen Ländern zu mildern. Schon in Kindergarten und Grundschule erhalten sozial benachteiligte Kinder zu wenig Förderung. Selbst wenn sie das Gymnasium schaffen könnten, trauen ihnen Lehrer wie Eltern oft nur die Hauptschule zu. Hier treffen sie auf Mitschüler aus ebenso schwierigen familiären Verhältnissen - und auf Lehrer, die ihre geringen Leistungserwartungen eben auf solche Kinder einstellen.

Die einmal eingeschlagene Schullaufbahn ist kaum korrigierbar. Deutsche Schulen sind vor allem in eine Richtung durchlässig: nach unten. Auf 100 Schüler, die in eine niedrigere Schulform absteigen - das zeigte eine Untersuchung in Nordrhein-Westfalen -, kommen nur fünf Kinder, die in einen anspruchsvolleren Bildungsgang wechseln.