Solentiname - das war in den siebziger und achtziger Jahren eine internationale Pilgerstätte für Christen und Marxisten, eine tropisch aufgeheizte, herzerwärmende Dorfkommune im Großen See von Nicaragua, wo Gläubige einen Vorschein des Paradieses wähnten. Sie tankten dort Liebe und Hoffnung, wobei sich die Sache mit der Hoffnung (auf die Weltrevolution) erledigt hat, die Sache mit der Liebe aber nicht. Sie wird auch heute noch dem Gründer der Inselgemeinschaft zu Füßen gelegt, dem hl. Revolutionär Ernesto Cardenal, der seinen 77 Lebensjahren trotzt und in diesen kühlen Herbsttagen durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourt. Seine Mission heißt Solentiname oder Die Poesie Gottes, begleitet wird er dabei von einem seiner treuesten Jünger: Dietmar Schönherr, der einst James Dean synchronisierte, leiht dem ergrauten Rebellen seine Stimme, dem Priester, Dichter und Politiker, der seine soeben erschienenen Memoiren vorstellt. Zwei zornige alte Männer, die sich zum Auftakt ihrer Konzert- und Lesereise bei einem angesichts der Übel dieser Welt vermutlich nicht ganz so zornigen dritten Mann eingefunden hatten: in der Kunsthalle des Schraubenfabrikanten Reinhold Würth in Schwäbisch Hall, wo Cardenal & Schönherr mit herzlicher Liberalität empfangen wurden, obwohl sie die antikapitalistische Revolution predigten - Cardenal mit lateinamerikanischem Feuer, Schönherr mit mitteleuropäischer Flamme, fast so, als wäre di e Zeit in Solentiname stehen geblieben. Doch die Funken der Utopie springen aus der Vergangenheit auch in die Gegenwart der jungen Globalisierungsgegner über. Dass eine andere Welt möglich ist, wissen die beiden Linkskatholiken schon lange. Vom Reich Gottes träumend, sind sie die unbeugsamen Großväter der Bewegung.